15.02.2021
Studie

Von der Vorbereitungsklasse in die Regelklasse – Übergänge gestalten

Im Rahmen der Initiative "Bildung durch Sprache und Schrift" (BiSS) wurde im Projekt "VeRbinden" der Übergang von sogenannten Vorbereitungsklassen in Regelklassen untersucht. Ziel des Projekts war es, mittels Befragungen von Lehrkräften Herausforderungen, Gelingensbedingungen sowie Maßnahmen beim Übergang darzustellen. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Der Artikel ist in leicht veränderter Form zuerst im ZMI Magazin (Dezember 2020) erschienen.

Besuchen Schülerinnen und Schüler, die neu nach Deutschland gekommen sind, anfangs eine sogenannte Vorbereitungsklasse, steht nach einiger Zeit der Übergang in die Regelklasse, also den „normalen“ Fachunterricht, bevor. Dieser wird von allen Beteiligten häufig als Herausforderung wahrgenommen und wurde daher im Rahmen der BiSS-Initiative im Projekt VeRbinden- Übergänge von Vorbereitungs- in Regelklassen untersucht: In leitfadengestützten Interviews wurden hierzu insgesamt 14 Lehrkräfte als Expertinnen und Experten mit langjähriger Erfahrung im Unterrichten von Vorbereitungsklassen befragt. Die Lehrpersonen aus sieben Bundesländern (Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein) unterrichten in unterschiedlichen Schulformen der Sekundarstufe I. Ziel war es zu rekonstruieren, welche Herausforderungen bestehen und was einen gelungenen Übergang ausmacht sowie systematisch aufzuarbeiten, welche Maßnahmen dazu beitragen (vgl. von Dewitz & Bredthauer 2020).

Was macht einen gelungenen Übergang aus?

Um einen Übergang in die Regelklasse als gelungen zu bezeichnen, müssen für die befragten Lehrkräfte mehrere Ebenen betrachtet werden. Zum einen geht es um den Erfolg der neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler in der Regelklasse. Die meisten Lehrkräfte bemessen diesen an den Noten, dem angestrebten Schulabschluss und den damit verbundenen beruflichen Zukunftsperspektiven sowie der Fähigkeit, selbständig zu lernen. Von einigen wird jedoch die persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt gerückt:

„Wenn der Schüler den Weg nimmt, den er im besten Fall gehen kann. [...] das ist jetzt nicht der Abschluss oder irgendetwas, das kann man überhaupt nicht sagen. Sondern, wenn sozusagen die Potenziale des Schülers, die eigentlich da sind, auch wirklich ausgeschöpft werden können“.

Zum anderen ist aus Sicht der Lehrkräfte ein gelungener Übergang immer begleitet und wird unterstützt. Diese Unterstützung erfolgt in erster Linie durch die Lehrkräfte der aufnehmenden Klasse, für die ein neu hinzugekommenes Kind „wirklich ein Mitglied der Klasse geworden ist, für das man, um das man sich Gedanken macht [...]aber wir // wissen, wir müssen immer mal wieder noch ein Auge drauf haben und ihn, ihn oder sie begleiten.“ Betont wird, dass also nicht nur die DaZ-Lehrpersonen aus den Vorbereitungsklassen qualifiziert sein müssen, sondern im Sinne einer durchgängigen Sprachbildung auch die Lehrerinnen und Lehrer in den aufnehmenden Regelklassen. Hinzu kommt die Unterstützung durch Mitschülerinnen und Mitschüler, Eltern, weiterführende Förderung im Deutschen, die Schulsozialarbeit sowie ggf. weitere Angebote. Ein Aspekt fällt jedoch in den Interviews besonders auf: Die Lehrkräfte heben die Relevanz der sozialen Einbindung der neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler hervor: Es sei wichtig, dass „sie nicht der Außenseiter sind, sondern vollwertiges Mitglied der Klassen.“ Dazu gehören soziale Kontakte und Freundschaften ebenso wie ein allgemeines Wohlbefinden, um Ängste abzubauen und gut lernen zu können.

Mit welchen Maßnahmen kann der Übergang unterstützt werden?

Die konkreten Maßnahmen zur Begleitung des Übergangs lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien kategorisieren, z. B. nach ihrer Zielsetzung. Für den vorliegenden Beitrag haben wir eine chronologische Anordnung versucht, um eine schnelle Orientierung zu ermöglichen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer Maßnahmen, die den gesamten Übergang begleiten und kontinuierlich umgesetzt werden müssen. Dazu zählen beispielsweise alle Maßnahmen der Zusammenarbeit mit den Eltern oder der Schulentwicklung.

Maßnahmen vor dem Klassenwechsel

Die meisten Lehrkräfte berichten, dass sie ein teilintegratives Modell umsetzten, in dem die Schülerinnen und Schüler schon vor dem Klassenwechsel anteilig – und meist zunehmend – am Unterricht einer Regelklasse teilnehmen. Die Lehrkräfte halten dies für sinnvoll. Zudem werden an einigen Schulen Lehrkräfte aus Sachfächern in die Vorbereitungsklasse eingebunden und es werden außer Deutsch weitere Fächer – vor allem Mathematik und Englisch – unterrichtet. Auch beziehen viele der befragten DaZ-Lehrkräfte Themen aus weiteren Fächern, wie beispielsweise Biologie oder Geografie in ihren eigenen Unterricht ein, um den Schülerinnen und Schülern den Anschluss im Regelunterricht zu erleichtern. Betont wird außerdem die Wichtigkeit des Methodenlernens: Nicht alle Schülerinnen und Schüler sind mit Lern- und Arbeitsformen vertraut, die in den Regelklassen oft vorausgesetzt werden.

Die Lehrkräfte bemühen sich größtenteils, die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler von Anfang an in den Schulalltag einzubinden, sei es durch gemeinsame Aktivitäten aller Schülerinnen und Schüler in AGs, Projektwochen, bei Sportveranstaltungen oder der Hausaufgabenbetreuung etc. Auf Ebene der Lehrkräfte erleben sie eine Einbindung in das Kollegium als hilfreich für die Zusammenarbeit und den Austausch. Allerdings wird die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der aufnehmenden Klasse gleichzeitig häufig als herausfordernd und stark personengebunden wahrgenommen.

Maßnahmen beim Klassenwechsel

Rund um den Klassenwechsel selbst benennen die Lehrkräfte Maßnahmen, die besonders den Informationsaustausch zwischen den Lehrkräften, aber auch die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schüler betreffen: Hierbei werden Übergabegespräche und/oder -protokolle sowie weitere Dokumente wie z. B. verbale Beurteilungen, Förderpläne und Lerntagebücher genutzt. Die weitergegebenen Informationen umfassen meist nicht nur den Sprachstand im Deutschen, sondern auch fachliche Leistungen sowie weitere Informationen, z. B. zum Arbeits- und Sozialverhalten und der Lebenssituation.

Mit den Schülerinnen und Schülern selbst und ihren Eltern werden überwiegend persönliche Gespräche geführt, wobei die Lehrkräfte meist versuchen, den Kontakt zu den Eltern schon von Beginn des Schulbesuchs an aufzubauen.

Maßnahmen nach dem Klassenwechsel

Den Lehrkräften zufolge ist es besonders relevant, die Förderung im Deutschen auch nach dem Wechsel in die Regelklasse weiterzuführen. Abhängig von den Ressourcen können Formen und Stundenanzahl variieren. Die Förderung sollte nach Ansicht der befragten Lehrkräfte jedoch unbedingt auf die fachlichen Inhalte der Klasse abgestimmt sein und die sprachlichen Anforderungen des Unterrichts zum Thema machen. Ebenso wichtig ist unseren Interviewpartnerinnen und -partnern zufolge die Rolle der aufnehmenden Lehrkräfte. Sie betonen, dass diese professionalisiert werden sollten, um ihren Unterricht sprachsensibel durchzuführen, aber auch prinzipiell für die Unterstützungsbedarfe ihrer neuen Schülerinnen und Schüler sensibilisiert sein sollten. Eine Lehrkraft formuliert es so: „Wenn der [Fachlehrer] nicht die Einstellung hat, diesen Schülern helfen zu wollen und vorne hinein sagt:Nein, solche Schüler, die interessieren mich nicht.’, dann habe ich keine Chance.“. Um eine Einbindung in die Klassengemeinschaft voranzubringen, werden an einigen Schulen auch Patenschaften auf Peer-Ebene umgesetzt. Fachkräfte wie Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, interkulturelle Koordinatorinnen und Koordinatoren oder Schulpsychologinnen und Schulpsychologen erweitern das Netzwerk, das in der Regel von den DaZ-Lehrkräften etabliert wird und die einzelnen Schülerinnen und Schüler möglichst von Beginn ihres Schulbesuchs solange unterstützt, wie sie es brauchen.

Fazit

Der Beitrag gibt einen Einblick in die vielzähligen Maßnahmen zur Begleitung des Übergangs von der Vorbereitungsklasse in eine Regelklasse, die zum Großteil von den DaZ-Lehrkräften selbst vorangetrieben werden. Welche konkreten Maßnahmen etabliert und in welcher Form sie umgesetzt werden, hängt allerdings oft von den Ressourcen und Bedingungen vor Ort ab, so dass jede Schule ihren eigenen Weg finden muss. Es lässt sich jedoch festhalten, dass eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Schule und eine über die Vorbereitungsklasse hinausgehende Unterstützung der Schülerinnen und Schüler als notwendig erachtet wird. Kooperative Strukturen und ein professionalisiertes Personal kommen hinzu. Im Gegensatz zu der häufig starken Fokussierung des Schulerfolgs zeichnen die befragten Lehrkräfte ein umfassenderes Bild: Neben Lernerfolgen im Deutschen und den übrigen Schulfächern gehören die individuelle Entwicklung und Förderung sowie die soziale Einbindung der Schülerinnen und Schüler in eine Klassen- und Schulgemeinschaft für sie unabdingbar zu einem gelungenen Übergang.

Literatur

Von Dewitz, N. & Bredthauer, S. (2020): Gelungene Übergänge und ihre Herausforderungen – von der Vorbereitungs- in die Regelklasse. In: Info DaF, 2020/4, 429-442. Online unter: https://doi.org/10.1515/infodaf-2020-0063.

Autorinnen: Nora von Dewitz & Stefanie Bredthauer