23.04.2015
Bericht

Umbrüche und Chancen mit der Bildungssprache Deutsch – drei Projekte, drei Modelle

Wie bereitet man Lehrkräfte auf sprachliche Heterogenität vor? Wie lässt sich Deutsch als Zweitsprache im Studium verankern? Mit diesen Fragen beschäftigten sich drei der geförderten Projekte im Rahmen eines Workshops am 23. bis zum 24. Februar 2015. Das niedersächsische Projekt „Umbrüche gestalten“ und „Sprachen-Bilden-Chancen“ aus Berlin waren in München zu Gast bei dem von LMU und TU München durchgeführten Projekt „Bildungssprache Deutsch für berufliche Schulen“.

Ausgangspunkt aller drei Projekte sind die Veränderungsprozesse in der Lehrkräftebildung, denen mit einem erhöhten Anteil an  Deutsch als Zweitsprache und Sprachbildung in der Lehrkräftebildung und, im Fall Berlins, mit einer grundlegenden qualitativen Veränderung in der Ausgestaltung des bisherigen sog. ‚DaZ-Moduls‘, Rechnung getragen wird. Diese Veränderungen werden in drei sehr unterschiedliche Modelle umgesetzt.

DaZ als Modul – das Berliner Modell

Bereits seit 2007 besucht jeder Lehramtsstudierende das DaZ-Modul. Es richtet sich an alle Lehramtstypen sowie Fächerkombinationen und umfasst bisher sechs Leistungspunkte. Sowohl angehende Lehrkräfte der Integrierten Sekundarschule mit der Fächerkombination Physik und Mathematik als auch künftige Berufsschullehrkräfte besuchen DaZ-Veranstaltungen im Bachelor und später auch noch einmal im Master. Derzeit ist in Berlin einiges in Bewegung. In Folge eines neuen Lehrerbildungsgesetzes wird das Modul zu Sprachbildung erweitert und auf zehn Leistungspunkte ausgedehnt. Die ursprüngliche Idee, dass jede Lehrkraft Basiskompetenzen im Bereich der Sprachwissenschaft und -didaktik in den Lehrberuf mitbringen muss, bleibt. Bislang wurden in Berlin DaZ-Veranstaltungen modular angeboten, für die Zukunft ist die Kombination mit einer in den Fachdidaktiken integrierten Vermittlung geplant.

DaZ integriert – das niedersächsische Modell

In Niedersachsen geht man hingegen einen anderen Weg. Geplant sind keine separaten DaZ-Module, sondern die Integration von Themen wie Mehrsprachigkeit, Sprache im Fach, sprachliche Diagnostik und Methoden eines sprachsensiblen Unterrichts in die bereits bestehenden Lehrveranstaltungen. Bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Veranstaltungen sollen sich demnach künftig auch dem Thema Sprache widmen und der Frage, was zu tun ist, wenn Schülerinnen und Schüler Unterstützung brauchen, um die sprachlichen Anteile des Fachunterrichts zu bewältigen.

DaZ als Unterrichtsfach – das Münchner Modell

München hat sich für einen dritten Weg entschieden. In ganz Bayern kann DaZ im Falle der Grund- und Mittelschulen bereits seit einiger Zeit als Unterrichtsfach studiert werden. Seit Sommersemester 2015 bieten TU und LMU München nun gemeinsam ein neues Studienfach an: Angehende Berufsschullehrkräfte können sich dafür entscheiden, im Rahmen ihres Regelstudiums einen Schwerpunkt auf DaZ zu legen. Jeder Studierende kombiniert eine berufliche Fachrichtung – z. B. Agrarwirtschaft oder Metalltechnik – mit einem Unterrichtsfach. Bisher waren das Fächer wie Mathematik, Sozialkunde oder Englisch, seit Kurzem steht nun auch Sprache und Kommunikation Deutsch zur Wahl. Der neue Teilstudiengang fokussiert inhaltlich auf Themen wie Sprachwissenschaft, Spracherwerb, Didaktik des Deutsch als Zweitsprache und Kulturwissenschaften. Studierende, die sich für Sprache und Kommunikation Deutsch entscheiden, sammeln 80 Leistungspunkte zu diesen Themen. Deutsch als Zweitsprache macht damit mehr als ein Viertel des gesamten Studienumfangs aus.

Während des Workshops stellten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die grundlegende Frage, inwiefern man die drei geschilderten Modelle künftig verknüpfen soll oder kann. Genügt eine vertiefte Qualifikation für einzelne Studierende? Benötigen nicht vielmehr alle angehenden Lehrkräfte ein Grundverständnis von sprachlichen Lernprozessen? Kann für die berufliche Bildung die Integration sprachdidaktischer und interkultureller Elemente in erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Veranstaltungen oder die Einführung eines verpflichtenden DaZ-Moduls zusätzlich zum neuen Fach Sprache und Kommunikation Deutsch gelingen? Als erstes Zwischenergebnis bleibt festzuhalten:

  • Die momentanen Flüchtlingsströme schenken dem Thema DaZ zu Recht verstärkt Aufmerksamkeit. Besonders Berufsschulen können durch berufsvorbereitende Maßnahmen zu einer schnellen Integration in den Arbeitsmarkt beitragen.
  • Gleichzeitig darf der Bedarf an sprachlicher Förderung auch für Bildungsinländer nicht aus dem Blick geraten. Die Veränderungen auf dem Ausbildung- und Arbeitsmarkt erfordern zusammen mit den steigenden sprachlichen Anforderungen vieler Berufe handlungsorientierte fachübergreifende Konzepte der Sprach- und Kulturvermittlung.
  • Für mehr DaZ in der Lehrerbildung bedarf es des Engagements der einzelnen universitären Standorte genauso wie eine entsprechende Unterstützung von ministerieller Seite.
  • Speziell in einem Flächenland wie Bayern gehen landesweite Regelungen mit enormen Strukturveränderungen einher. U. U. bietet es sich an, dass sich zunächst einmal einzelne Universitäten oder einzelne Lehramtsstudiengänge auf den Weg machen, indem standortspezifische Veränderungsmöglichkeiten genutzt werden – anstehende Änderungen der Prüfungsordnungen, an Kooperation interessierte Kolleginnen und Kollegen oder bestehende Projekte, an die angeknüpft werden kann, wie in München der Nachfolger des Mercator-Förderunterrichts „Schule für Alle“.

 

Autorinnen:

Dr. Elisabetta Terrasi-Haufe koordiniert das Projekt Bildungssprache Deutsch für Berufliche Schulen an der Ludwigs-Maximilian-Universität München.

Barbara Baumann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt und für den Bereich Evaluation und die Beschulung von berufsschulpflichtigen Asylbewerberinnen und -bewerbern und Flüchtlingen zuständig.