19.06.2018
Basiswissen

Sprachsensibler Unterricht

Was versteht man unter sprachsensiblem Unterricht? Welche Ziele verfolgt er und wie hängen sprachliches und fachliches Lernen zusammen? Darüber informiert dieses Basiswissen. Außerdem liefert es Hinweise zur Umsetzung im Unterricht und zeigt, wie sprachliche Hürden überwunden werden können.

Definition

Der Begriff sprachsensibler Unterricht steht für unterschiedliche Unterrichtskonzepte, die Sprache bewusst als Mittel des Denkens und Kommunizierens einsetzen, um fachliches und sprachliches Lernen zu verknüpfen. Ein wesentliches Element ist die in den Unterricht integrierte, gezielte sprachliche Unterstützung der Schülerinnen und Schüler. 

Neben sprachsensibler Unterricht werden auch die Begriffe sprachbewusster sowie sprachaufmerksamer Unterricht verwendet, oftmals synonym. Auch wenn sich die theoretischen Konzepte in gewissen Aspekten unterscheiden, ähneln sich die Ziele für die Unterrichtspraxis: Über die Formulierung eines sprachlichen Lernziels und den damit verbundenen Hilfestellungen sollen das fachliche Lernziel leichter erreicht und so langfristig die bildungssprachlichen Kompetenzen fachübergreifend ausgebaut werden.

Funktionen von Sprache im Unterricht

Sprache hat im Unterricht verschiedene Funktionen. Mit ihrer Hilfe vermitteln Lehrerinnen und Lehrer Lerninhalte. Die Schülerinnen und Schülern nehmen diese auf, verarbeiten und speichern sie und geben sie in Unterrichtsgesprächen und Prüfungen wieder. Sprache ist aber auch ein Werkzeug des Denkens, mit dessen Hilfe Prozesse nachvollzogen oder Vorstellungsbilder aufgebaut werden, Wissen bearbeitet oder neu erzeugt wird. Dabei lernen Kinder und Jugendliche nicht nur die Bezeichnung oder den Ausdruck für einen spezifischen Gegenstand. Sie lernen auch, diese sprachlichen Mittel inhaltlich, zweckbezogen, kontextuell und situativ angemessen selbst zu verwenden.

Sprachliches und fachliches Lernen

In diesem Sinne sind Sprache und Fachunterricht untrennbar miteinander verbunden, denn Schülerinnen und Schüler müssen hier unterschiedliche sprachliche Handlungen realisieren, z. B. beschreiben, erklären, diskutieren, argumentieren oder analysieren, um den Unterrichtsgegenstand aktiv zu verarbeiten.

Sprachschwache Schülerinnen und Schüler

Fehlen aber diese sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, kann ein Schüler oder eine Schülerin dem Unterricht nicht folgen, weil er oder sie etwas nicht versteht oder es nicht sprachlich ausdrücken kann. In der Folge verfehlen sie möglicherweise die fachlichen Unterrichtsziele. In Deutschland trifft dies besonders auf Kinder und Jugendliche zu, die aus Familien mit geringem Zugang zu Bildung kommen oder die erst im schulpflichtigen Alter beginnen Deutsch zu lernen (z. B. neu Zugewanderte). Der Deutschunterricht oder zusätzliche Sprachfördermaßnahmen allein reichen nicht aus: Die für den Schulerfolg so wichtigen bildungssprachlichen Kompetenzen sind zu vielfältig, oft fachspezifisch und werden nur in dem Kontext effizient erlernt, in dem sie benötigt werden – im Fachunterricht (d. h. sowohl in Deutsch und Englisch als auch in Mathematik, Biologie, Sozialkunde oder Kunst). Eine notwendige Schlussfolgerung für die Praxis ist es daher, im Fachunterricht sprachliche Hürden zu erkennen und Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, diese zu überwinden.

Umsetzung im Unterricht

Ein solches sprachsensibles Unterrichtskonzept beginnt in der methodisch-didaktischen Gestaltung des Unterrichts. An erster Stelle steht eine Analyse der fachspezifischen sprachlichen Anforderungen. Dazu zählen das mündliche und schriftliche Angebot (z. B. Lese- und Schreibaufgaben, der sprachliche Input der Lehrkraft) und die sprachlichen Handlungen, die von den Schülerinnen und Schülern produziert werden sollen. Auf dieser Grundlage werden die zum Erreichen des fachlichen Lernziels erforderlichen sprachlichen Kompetenzen herausgearbeitet.

Aufbauend auf der Ermittlung des Sprachstands der Schülerinnen und Schüler wählt die Lehrkraft auf den Lernstand zugeschnittene Unterstützungstechniken aus, die zum Erreichen der erforderlichen sprachlichen Fertigkeiten beitragen (Michalak, Lemke & Goeke, 2015, S. 161–162). Eine typische Unterstützungstechnik im Fachunterricht ist der Einsatz von sprachlichen Baugerüsten (so genannte scaffolds), die im Unterricht zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Sie helfen sprachschwachen Kindern und Jugendlichen, sich neue Inhalte fachlich zu erschließen. Im Unterricht kann ein solches Baugerüst mittels Formulierungshilfen für wiederkehrende sprachliche Handlungen erfolgen, die in einer Textsorte eine bestimmte Funktion einnehmen und dem Text Struktur geben, zum Beispiel die Beschreibung der Durchführung und der Beobachtungen in Versuchsprotokollen im Chemieunterricht. Ein Lernplakat beispielsweise gibt Schülerinnen und Schülern für einen authentischen Anlass – etwa ein im Chemieunterricht durchgeführtes Experiment – konkrete Formulierungshilfen für das Anfertigen eines Versuchsprotokolls (Busch & Ralle, 2013, S. 290). Diese können z. B. typische Wortkombinationen sein, die mit den Teilhandlungen verbunden sind (Durchführung: „Man gibt X hinzu"; Beobachtung: „Ich habe beobachtet, dass ..."; Deutung: „Aus X kann geschlossen werden, dass Y") und Satzverknüpfungen sein, die helfen den Text zu strukturieren (z. B. „Zuerst ist XY aufgebaut/zerlegt worden ... Dann wurde ZZ hinzugefügt/verbunden..."). Hinzu kommen die jeweils themenspezifischen Fachwörter.

Sprachliche Hürden überwinden

Mithilfe solcher Unterstützungstechniken können Schülerinnen und Schüler fachspezifische, sprachliche Hürden überwinden, die fachlichen Lernziele erreichen und sich darauf aufbauend die bildungssprachlichen Besonderheiten eines Faches aneignen. Die Umsetzung soll dabei durchgängig in jedem Fach und nicht etwa mittels einer bestimmten Methode oder nur von Zeit zu Zeit erfolgen. Die Verknüpfung von fachlichem und sprachlichem Lernen stellt somit ein umfassendes sprachsensibles Konzept dar, das die gesamte Art zu unterrichten strukturiert.

Autorinnen und Autoren

Marlis Giesau 

Dr. Till Woerfel

Dieser Text darf, unter Einhaltung der gängigen Zitierregeln und mit Angabe der Quelle, gern weiterverwendet werden: Woerfel, Till & Giesau, Marlis (2018). Sprachsensibler Unterricht. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Basiswissen sprachliche Bildung).

Literatur

Busch, Hannah & Ralle, Bernd (2013). Diagnostik und Förderung fachsprachlicher Kompetenzen im Chemieunterricht. In Michael Becker-Mrotzek, Karen Schramm, Eike Thürmann, & Helmut Vollmer (Hrsg.), Sprache im Fach: Sprachlichkeit und fachliches Lernen (S. 277–294). Münster: Waxmann.

 

Michalak, Magdalena; Lemke, Valerie & Goeke, Marius (2015). Sprache im Fachunterricht. Tübingen: Narr.

Weiterführende Literatur / Informationen

Becker-Mrotzek, Michael, Schramm, Karen, Thürmann, Eike & Vollmer, Helmut (Hrsg.). (2013). Sprache im Fach: Sprachlichkeit und fachliches Lernen. Münster: Waxmann.

 

Schmölzer-Eibinger, Sabine & Thürmann, Eike (Hrsg.). (2015). Schreiben als Medium des Lernens. Kompetenzentwicklung durch Schreiben im Fachunterricht. Münster: Waxmann Verlag.

 

Wildemann, Anja & Fornol, Sarah (2016). Sprachsensibel unterrichten in der Grundschule: Anregungen für den Deutsch-, Mathematik- und Sachunterricht (1. Auflage). Seelze: Klett, Kallmeyer.

Projekt „Sprachsensible Schulentwicklung“
Publikation der Projektergebnisse „Erfahrungen und Konzepte zur Umsetzung in Schulen“
Projekt „Sprache im Fach: Texte schreiben im Deutsch- und Fachunterricht“, Universität Münster
Informationsplattform betrieben von Prof. Josef Leisen
Methodenpool für sprachsensiblen Unterricht, Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Universität Köln und Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), Eberhard Karls Universität Tübingen

Bereits erschienen: Basiswissen sprachliche Bildung