26.06.2019
Basiswissen

Schreibflüssigkeit

Was versteht man unter Schreibflüssigkeit? Wie hängt sie mit der Schreibkompetenz zusammen und wie kann sie gemessen und diagnostiziert werden? Darüber klärt dieses Basiswissen auf.

Definition

Schreibflüssigkeit ist die Fertigkeit, Buchstaben, einzelne Wörter und kurze Sätze automatisiert, das heißt schnell, mühelos und korrekt aufzuschreiben sowie Ideen flüssig zu formulieren (vgl. Stephany, Lemke, Linnemann, Goltsev, Bulut, Claes, Roth & Becker-Mrotzek, im Erscheinen). Dieses Verständnis von Schreibflüssigkeit umfasst die Aspekte, die Wissenschaft und Praxis international unter dem Begriff writing fluency diskutieren. Vor allem im deutschsprachigen Raum fassen Forscherinnen und Forscher Schreibflüssigkeit dagegen teilweise anders und verstehen sie ausschließlich als handschriftliche Flüssigkeit. Damit ist die motorische Fertigkeit gemeint, verbundene Buchstaben zu schreiben, nicht jedoch die Fähigkeit, flüssig Texte zu produzieren. Schreibflüssigkeit ist als basale Fertigkeit eine Grundvoraussetzung für das Verfassen von Texten.

Zusammenhang zwischen Schreibflüssigkeit und Schreibkompetenz

Während des Schreibprozesses müssen Schreibende ihre Ideen, also Inhalte, die Teil eines Textes werden sollen, aus ihrem Gedächtnis abrufen und in Sprache umwandeln – sie also formulieren und dann verschriften. Die Formulierungstätigkeit und das Aufschreiben der formulierten Wörter und Sätze können dabei zügig und mühelos oder aber stockend erfolgen. Letzteres ist zum Beispiel der Fall, wenn den Schreibenden Formulierungen nicht schnell genug einfallen (vgl. Chenoweth & Hayes, 2001), die Handschrift oder die Rechtschreibung nicht automatisiert sind (vgl. Alves & Limpo, 2015). Das Arbeitsgedächtnis wird dadurch übermäßig belastet und es bleiben zu wenig Ressourcen für die anspruchsvollen Aufgaben im Schreibprozess übrig, wie etwa das Planen des Textes oder die Berücksichtigung der Leserperspektive. Gerade bei Schreibanfängerinnen und Schreibanfängern kann man gut erkennen, wie das Nachdenken über die richtige Schreibweise oder das Suchen nach dem passenden Wort den Schreibfluss hemmt. So vergessen die unerfahrenen Schreibenden oft mitten im Satz, was sie eigentlich schreiben wollten. Aber auch im weiteren Verlauf der Schulzeit kann eine geringe Schreibflüssigkeit verantwortlich dafür sein, dass Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten haben, Texte zu verfassen, und somit über eine geringe Schreibkompetenz verfügen.

Messung und Diagnose von Schreibflüssigkeit

Die Teilaspekte der Schreibflüssigkeit lassen sich produkt- oder prozessbezogen messen, auch wenn ein umfassendes Instrument zur Diagnose der Schreibflüssigkeit bislang fehlt. Die produktbezogene Messung zählt – anhand eines Schreibproduktes – die geschriebene Textmenge in einer bestimmten Zeit. Beispielsweise gibt die Anzahl der Wörter, die innerhalb einer Minute zu Papier gebracht werden, Auskunft darüber, wie gut Wörter automatisiert verschriftet werden können. Prozessbezogene Messungen geben dagegen einen Einblick in den Schreibprozess, indem sie diesen zum Beispiel mit digitalen Smartpens oder am Computer aufzeichnen. Betrachtet wird hierbei insbesondere die Länge der Schreibphasen zwischen zwei Pausen, die mindestens zwei Sekunden andauern. Diese Messungen zeigen, wie viele Wörter die Schreibenden im Durchschnitt schreiben können, ohne pausieren zu müssen, um über Formulierungen nachzudenken. Die produkt- und die prozessbezogenen Messungen lassen sich gemeinsam zu diagnostischen Zwecken nutzen, sodass Stärken, aber auch Schwierigkeiten der Schreibenden deutlich werden und das flüssige Schreiben gezielt gefördert werden kann.

Förderung von Schreibflüssigkeit durch gezielte Aufgaben

Auch wenn über die Wirksamkeit von Maßnahmen, die die Schreibflüssigkeit fördern sollen, bisher noch wenig bekannt ist, sprechen die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür, dass es sinnvoll ist, neben motorischen Schreibübungen, Aufgaben zum flüssigen Formulieren und zum automatisierten Abruf einzusetzen. Dies kann unter anderem durch Abschreibaufgaben geschehen, durch Wortproduktionsaufgaben wie dem schnellen Benennen von abgebildeten Gegenständen oder dem Ergänzen von Verben (Fußball spielen, Bücher lesen), dem Erweitern von Phrasen (der Hund, der bellende Hund, der laut bellende Hund an der Leine) oder indem einfache Sätze durch Konjunktionen verbunden werden (Der Junge hat Angst. Der Hund bellt. → Der Junge hat Angst, weil der Hund bellt.) (vgl. Stephany et al., im Erscheinen; Sturm & Lindauer, 2014).

Schreibflüssigkeit ist als Teil der Schreibkompetenz in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum stärker in den Fokus geraten. Trotzdem bedarf es – vor allem mit Blick auf die Diagnostik und Förderung – noch weiterer Forschung. Deutlich geworden ist aber bereits, dass Lehrkräfte basale Schreibfertigkeiten auch über die Grundschule hinaus fördern müssen, da nicht alle Schülerinnen und Schüler zu Beginn der Sekundarstufe I in der Lage sind, ausreichend flüssig zu schreiben. 

Autorin

Dr. Sabine Stephany

Dieser Text darf, unter Einhaltung der gängigen Zitierregeln und mit Angabe der Quelle, gern weiterverwendet werden: Stephany, Sabine (2019). Schreibflüssigkeit. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Basiswissen sprachliche Bildung).

Literatur

Alves, Rui A. & Limpo, Teresa (2015). Progress in Written Language Bursts, Pauses, Transcription, and Written Composition across Schooling. Scientific Studies of Reading, 19 (5), 374–391.

Chenoweth, N. Ann & Hayes, John R. (2001). Fluency in Writing: Generating Text in L1 and L2. Written Communication, 18 (1), 80–98.

Stephany, Sabine; Lemke, Valerie; Linnemann, Markus; Goltsev, Evghenia; Bulut, Necle; Claes, Pia; Roth, Hans-Joachim & Becker-Mrotzek, Michael (im Erscheinen). Lese- und Schreibflüssigkeit diagnostizieren und fördern. Sprach- und Schriftsprachförderung wirksam gestalten: Innovative Konzepte und Forschungsimpulse. Stuttgart: Kohlhammer.

Sturm, Afra & Lindauer, Thomas (2014). Musteraufgaben: basale Schreibfertigkeiten (1.–3. Klasse), Didaktischer Kommentar. Brugg, Zürich: Bildungsdirektion Kanton Zürich & Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW. Verfügbar unter: https://wiki.edu-ict.zh.ch/_media/quims/fokusa/00_basal_kommentar_2014-07.pdf [31.5.2019].>

Weiterführende Literatur/Informationen

Sturm, Afra; Nänny, Rebekka & Wyss, Stefanie (2017). Entwicklung hierarchieniedriger Schreibprozesse. In Maik Philipp (Hrsg.), Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben (1. Auflage., S. 84–104). Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Sturm, Afra (2017). Förderung hierarchieniedriger Schreibprozesse. In Maik Philipp (Hrsg.), Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben (1. Auflage., S. 266–284). Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Linnemann, Markus; Stephany, Sabine; Lemke, Valerie; Bulut, Necle; Claes, Pia; Krause-Wolters, Marion; Haider, Hilde; Roth, Hans-Joachim & Becker-Mrotzek, Michael (in Vorbereitung). The Dimensionality of Writing and Reading Fluency and its Impact on Composition and Comprehension

Nottbusch, Guido (2017). Graphomotorik. In Michael Becker-Mrotzek, Joachim Grabowski & Torsten Steinhoff (Hrsg.), Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik (S. 125–138). Münster: Waxmann.

Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (2019). Lese- und Schreibflüssigkeit. Konzeption, Diagnostik, Förderung. Verfügbar unter: https://www.mercator-institut-sprachfoerderung.de/de/forschung-entwicklung/aktuelle-projekte/lese-und-schreibfluessigkeit/ [31.5.2019].>