13.03.2020
Bericht

Digitale Schreibfördertools – Beispiele aus der Wissenschaft zur digitalen Förderung von Schreibkompetenzen: Bericht und Materialien zum Symposium

Inwiefern können technische Tools zur Förderung von Schreibkompetenz beitragen? Welche Vorteile bieten digitale Medien gegenüber herkömmlichen Formen der Schreibförderung und welche (neuen?) Herausforderungen sind mit dem Einsatz digitaler Medien in Bezug auf das Schreiben von Texten verbunden? Diese und weitere Fragen stellen sich in Forschung, Praxis und Bildungspolitik, weil die Bedeutung digitaler Medien für die Förderung von Schreibkompetenz bislang noch wenig erforscht ist.

Um ihnen nachzugehen, präsentierten die Vortragenden im Rahmen des Symposiums Digitale Schreibfördertools – Beispiele aus der Wissenschaft zur digitalen Förderung von Schreibkompetenz auf der Jahrestagung des Mercator-Instituts vier Projekte mit unterschiedlichen Zielgruppen und Schwerpunkten, in denen Schülerinnen und Schüler in und mit digitalen Medien schrieben.

Schwächen im Lesen und Schreiben mit digitalen Tools verbessern

Ruth Görgen (Klinikum der Universität München) stellte eine computerbasierte Förderung für Grundschulkinder mit Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) in Form der App Meister Cody Namagi vor. Mithilfe dieses Tools können Kinder die vier Bereiche Phonologische Bewusstheit, Phonem-Graphem-Korrespondenz, Wortlesen und Rechtschreiben systematisch bis zu dreimal pro Woche in kurzen Sequenzen von 20 bis 30 Minuten trainieren. Ein wesentliches Merkmal der computerbasierten Förderung ist ihre Adaptivität, denn die App passt den Schwierigkeitsgrad stetig an die Lernfortschritte der Kinder an. Meister Cody Namagi kann in Unterricht oder Therapie eingebunden werden, aber Kinder können die App auch unabhängig von weiteren Fördermöglichkeiten selbstständig zu Hause nutzen.

Dr. Lisa Schüler (Universität Bremen) präsentierte in ihrem Beitrag erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt Medienunterstützte Textproduktion (MuT), dessen Ziel es ist, schreibschwache Jugendlichen der Sekundarstufe (8. bis 10. Jahrgangsstufe) durch das Diktieren mit Spracherkennung zu fördern. Um das Potenzial zu analysieren, dass das Diktieren mit sich bringt, verglich sie in einer Studie die Schreibflüssigkeit in den Medien Handschrift, Tastatur und Diktieren miteinander. In dem Forschungsprojekt zeigte sich, dass die diktierten Texte zwar im Durchschnitt länger sind und weniger Fehler aufweisen, jedoch über spezifische Spracherkennungsfehler verfügen.

Digitale Medien bei der Textproduktion einsetzen

Prof. Dr. Kirsten Schindler und Dr. Matthias Knopp (Universität zu Köln) beschäftigten sich in ihrem Vortrag mit der Rolle digitaler Medien bei der Textproduktion von Grundschülerinnen und Grundschülern. Mit dem Computerpraktikum und der virtuellen Schreibkonferenz stellten sie zwei langjährige Kooperationsprojekte der Universität zu Köln mit verschiedenen Kölner Grundschulen vor. Die Lehramtsstudierenden werden im Rahmen der genannten Projekte in universitären Seminaren auf die unterschiedlichen Schreibarrangements und ihre Rolle als Schreibberaterinnen und -berater vorbereitet. Während das Computerpraktikum den Fokus auf das gemeinsame Schreiben interaktiver Geschichten in Wordpress legt und Schülerinnen, Schüler und Studierende in engem persönlichen Austausch stehen, spielt sich die virtuelle Schreibkonferenz hauptsächlich auf der Plattform ILIAS ab. Hier steht die Überarbeitung der Texte durch die Kinder im Vordergrund, nachdem die Studierenden den Schülerinnen und Schülern Feedback zu ihren Texten gegeben haben. Beide Formate bieten den Studierenden durch die praktischen Seminaranteile eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den theoretischen Inhalten, die sie zuvor erworben haben.

Fabienne Senn (Pädagogische Hochschule FHNW) widmete sich in ihrem Beitrag der digitalen Schreib- und Leseplattform myMoment, die die Möglichkeit bietet, das kreative Schreiben als soziale Praxis zu unterstützen: Sie schafft für die Schülerinnen und Schülern reale Schreibsituationen im Internet; die Kinder verfassen ihre Texte für echte Leserinnen und Leser und publizieren sie im Netz. Bei myMoment steht dabei nicht die sprachliche Richtigkeit im Fokus, sondern die Schreibmotivation. Die Textproduktion und Nutzung der Plattform ist in den Schreibunterricht integriert und kein additives Tool. Zielgruppe sind auch hier Grundschülerinnen und Grundschüler, die unter einem Pseudonym sowohl selber Texte schreiben als auch die Veröffentlichungen von anderen kommentieren, bewerten und dazu miteinander interagieren können.

Vorteile digitaler Schreibfördertools nutzen

Aus den vorgestellten Projekten geht hervor, dass digitale Tools zur Förderung der Schreibkompetenz durchaus Vorteile gegenüber herkömmlicher Formen der Schreibförderung aufweisen: Zum einen bieten sie die Möglichkeit, den Schwierigkeitsgrad der Förderung stetig an die Schreibfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Zum anderen können digitale Medien die Motivation der Schreiberinnen und Schreiber steigern, weil es mit ihnen leichter möglich ist, Texte für echte Leserinnen und Leser zu verfassen und zu veröffentlichen sowie kooperative Schreibformate zu nutzen. Darüber hinaus helfen sie, Fortschritte sichtbar machen und Schülerinnen und Schüler durch sogenannte Gamification zu belohnen. Je nach Fokus des jeweiligen Projekts sind gezielt einzelne Aspekte der Schreibkompetenz fokussiert und gefördert worden. 

Obwohl mit den verschiedenen Formaten eine höhere Anbindung an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler gegeben ist, stellte sich in dem Symposium gleichzeitig heraus, dass die Technik nicht immer ausreichend Möglichkeiten bietet, Kinder und Jugendliche optimal zu fördern. Die Frage zwischen Aufwand und Nutzen bei der Einbindung digitaler Medien gegenüber Paper-Pencil-Verfahren ist weiterhin abhängig von einer sinnvollen kontextuellen Einbettung und Begleitung. Fest steht jedoch, dass alle präsentierten digitalen Tools das Potenzial haben, die Schülerinnen und Schüler auf das multimodale schriftbasierte Kommunizieren vorzubereiten. Das gelingt beispielsweise durch den Einsatz von Ressourcen der digitalen Schriftlichkeit, den Umgang mit Kommentaren und (Peer-)Feedback zum eigenen Text, einer Stärkung der Selbstreflexion des eigenen Schreibens sowie der Reflexion von Schreibnormen und dem Umgang mit Netiquette. 

Autorinnen: Sabine Hachmeister und Valerie Lemke sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Mercator-Institut. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Schreibdidaktik, Schreibforschung sowie die Bedeutung der Rechtschreibung für die Schreibflüssigkeit.

Zum Weiterlesen

Meister Cody Namagi
Projektbeschreibung Meister Cody Namagi
LONDI – Lernstörungen Onlineplattform für Diagnostik & Intervention
Computerpraktikum im Sommersemester 2019 an der Universität zu Köln
Die virtuelle Schreibkonferenz
Senn, Fabienne (2017): myMoment und youType – digitale Schreibplattformen für Schülerinnen und Schüler. In: Leseforum Schweiz. Literalität in Forschung und Praxis, Heft Multimodalität, 1/17. S. 1–14.
Wiesner, Esther (2017): Bedeutungen (ko-)konstruieren – Multimodalität als Ressource schulischen Sprachlernens. In: Leseforum Schweiz. Literalität in Forschung und Praxis, Heft Multimodalität, 1/17. S. 1–22.
Wiesner, Esther (2014): Schreiben mit digitalen Medien: Über Kontext und Kooperation zu Kompetenz. In: Wagner, Franc und Kleinberger, Ulla (Hrsg.): Sprachbasierte Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Bd. 5. Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt a. M
Wiesner, Esther und Schneider, Hansjakob (2014): Schulisch initiiertes Schreiben und Lesen auf der Internetplattform myMoment. In: Leseforum Schweiz. Literalität in Forschung und Praxis, Heft Literales Lernen mit digitalen Medien, 2/14. S. 1–20.
Schneider, Hansjakob; Wiesner, Esther; Lindauer, Thomas und Furger, Julienne (2012): Kinder schreiben auf einer Internetplattform: Resultate aus der Interventionsstudie myMoment2.0. In: dieS-online – JLU 2. S. 01–37.
Wiesner, Esther (2007a): «Ich finde myMoment cool. Ich will Autorin werden.» - Ein Bericht über kooperatives Schreiben. In: ide – Informationen zur Deutschdidaktik 31/1. S. 112–120.
Gnach, Aleksandra; Wiesner, Esther; Bertschi-Kaufmann, Andrea und Perrin, Daniel (2007): Children’s writing processes when
Beißwenger, Michael; Knopp, Matthias (Hrsg.) (2019): Soziale Medien in Schule und Hochschule: Linguistische, sprach- und mediendidaktische Perspektiven
Knopp, Matthias; Schindler, Kirsten (2019): Kooperative Textproduktion in sozialen Medien: medientheoretische Überlegungen und schreibdidaktische Arrangements. In: Beißwenger, Michael; Knopp, Matthias (Hrsg.) (2019): Soziale Medien in Schule und Hochschul

Dokumentation der Jahrestagung 2020