20.06.2018
Basiswissen

Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache

Was versteht man unter Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache? Wie entwickeln Lernende ein Verständnis für Schrift? Wie ist das Verhältnis von Erst- und Zweitsprache bei der Alphabetisierung? Darum geht es in diesem Basiswissen. Zudem klärt es kurz und knapp darüber auf, wie man basale Schreibfertigkeiten aufbauen und welche Methoden man für den Unterricht auswählen kann.

Definition

Unter Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache wird die Vermittlung schriftsprachlicher Kompetenzen an Lernende verstanden, die das deutsche Schriftsystem nicht (hinreichend) beherrschen. In diesem Kontext wird auch der Begriff Zweitschrifterwerb verwendet. Er bezeichnet den Prozess, bei dem Lernende, die bereits die Alphabetschrift einer anderen Sprache beherrschen, das deutsche Schriftsystem erlernen. Zweitschriftlernende eignen sich die deutsche Schrift in der Regel schnell an, weil sie mit Schriftlichkeit an sich vertraut sind und aufgrund lang- oder zumindest mehrjähriger Schulerfahrung über einschlägige Lerntechniken verfügen. Schriftunerfahrene Lernende hingegen sind meist lernungewohnt und ungeübt im Umgang mit Lehr- und Lernmedien, wodurch sich der Erwerbsprozess erheblich verlängert.

Verständnis für Schrift entwickeln

Im Rahmen der Alphabetisierung entwickeln Lernende ein Verständnis für Schrift als Symbolsystem im Allgemeinen und als alphabetisches Prinzip (bei dem Wörter in Laute zerlegt werden) im Besonderen. Zunächst wird ihre Fähigkeit gefördert, Laute zu erkennen und zu unterscheiden. In einem weiteren Schritt müssen sie lernen, welche Regeln für die Laut-Buchstaben-Zuordnung gelten. Beim Lesen müssen bedeutungsunterscheidende Elemente der Schriftzeichen (beispielsweise die, die den Unterschied zwischen <a> und <o> ausmachen) wahrgenommen und Schriftzeichen (Buchstaben, Buchstabengruppen, Buchstabenkombinationen und Zahlen) in Druckform und Handschrift identifiziert werden.

Lernende, die in Deutsch als Zweitsprache alphabetisiert werden, verfügen über unterschiedlich stark ausgeprägte Kompetenzen im Bereich der deutschen Lautsprache. Da deren Beherrschung die Grundlage für den Schriftspracherwerb ist, müssen mündlicher und schriftlicher Spracherwerb zumindest gleichzeitig erfolgen und gefördert werden.

Basale Schreibfertigkeiten aufbauen

Das Schreiben erfordert motorische Fertigkeiten bei der Stiftführung: Dazu gehören das Schreiben auf einer Linie, die Einhaltung von Schreibrichtung und Ober- und Unterlängen, der Einsatz von Leerstellen und Satzzeichen und der Wechsel von Groß- und Kleinschreibung. Beim Aufbau von basalen Schreibfertigkeiten setzen die Lernenden nacheinander unterschiedliche Strategien ein: In einer ersten Phase reproduzieren sie gespeicherte Wortbilder und verschriftlichen diese in einer zweiten lautgetreu. In der dritten Phase folgt der Orthographieerwerb (Günther, 1986).

Verhältnis von Erst- und Zweitsprache bei der Alphabetisierung

Sprachliche Bildung in der Erstsprache stärkt das Selbstwertgefühl mehrsprachiger Lernender und eröffnet ihnen die Möglichkeit zum Sprachvergleich. Die so geförderte Sprachbewusstheit kann im Rahmen einer zweisprachigen Alphabetisierung auch dem Zweitspracherwerb zugutekommen. Bei der koordinierten Alphabetisierung in der Grundschule erfolgt die Alphabetisierung im Deutschen parallel zur und in Absprache mit der Alphabetisierung im herkunftssprachlichen Unterricht. Bisher wird diese Möglichkeit jedoch nicht flächendeckend in den Grundschulen umgesetzt. Im Gegensatz dazu werden bei der kontrastiven Alphabetisierung im DaZ-Unterricht Sprachvergleiche mit der Erstsprache angestellt, Übersetzungen angefertigt und eigene zweisprachige Lernmaterialien erstellt (Bulut & Feldmeier, 2013).

Methodenauswahl für den Unterricht

Der Einsatz der unterschiedlichen zur Verfügung stehenden Methoden zur Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache muss an die Bedürfnisse der Lernenden angepasst werden. Dafür muss zunächst der Sprachstand ermittelt (Bulut, Jambor-Fahlen, Linnemann & Will 2010) und dann müssen Lernziele festgelegt werden. Offene Methoden lassen den Lernenden mehr Freiheiten bei der Gestaltung des Erwerbsprozesses. Strukturierte Methoden setzen stärker auf die Anleitung durch die Lehrkraft, die die Buchstabeneinführung steuert. Dabei geht sie entweder synthetisch vor, also von der kleineren zur größeren Einheit: von Phonem/Laut über Silbe, Morphem zum Wort. Oder die Lehrkraft verfährt analytisch und arbeitet sich mit den Lernenden von der größeren Wort- oder Satzeinheit zur kleineren Einheit der Buchstaben vor.

Anpassung an das Alter der Lernenden

Schrifterwerbsprozesse laufen vermutlich auf unterschiedlichen Altersstufen prinzipiell ähnlich. Dennoch ist im Alphabetisierungsunterricht das spezifische Lernverhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu berücksichtigen. Passendes didaktisches Material (zum Teil auch in digitaler Form) gibt es vor allem für Kinder, weil der Lese- und Schreibunterricht traditionell eine Kernaufgabe der Grundschule ist. Auch für Erwachsene existieren aufgrund der nunmehr langjährigen Erfahrung mit der Alphabetisierung von Migrantinnen und Migranten spezifische Lehrwerke. Da die Vermittlung basaler Lese- und Schreibfertigkeit bislang nicht zum Bildungsauftrag der weiterführenden Schulen gehört, stehen zurzeit weder passende Lehrwerke noch qualifizierte Lehrkräfte in ausreichendem Maße zur Verfügung, um den Bedürfnissen der neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I und II gerecht zu werden.

Autor

Dr. Peter Weber

Dieser Text darf, unter Einhaltung der gängigen Zitierregeln und mit Angabe der Quelle, gern weiterverwendet werden: Weber, Peter (2018). Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Basiswissen sprachliche Bildung).

Literatur

Bulut, Necle & Feldmeier, Alexis (2013). Lernabenteuer Sprachbewusstheit und Sprachvergleich. In Diana Feick, Anja Pietzuch & Karen Schramm (Hrsg.), Alphabetisierung für Erwachsene (S. 123 141). München: Goethe-Institut.

 

Bulut, Necle; Jambor-Fahlen, Simone; Linnemann, Markus & Will, Bettina (2010). Vom Buchstaben zum Text - Ein adaptiver Test zur Messung von Schriftsprachstand und -entwicklung von erwachsenen Lernern. Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST), 77, 127 141.

 

Günther, Klaus-B. (1986). Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In Hans Brüggelmann (Hrsg.), ABC und Schriftsprache: Rätsel für Kinder, Lehrer und Forscher (S. 32 43). Konstanz: Faude.

Weiterführende Literatur / Informationen

Berkemeier, Anne (2018). Schrifterwerb und L2-Alphabetisierung. In Heike Roll, Wilhelm Grießhaber, Sabine Schmölzer-Eibinger & Karen Schramm (Hrsg.), Schreiben in der Zweitsprache Deutsch: Ein Handbuch. Berlin: De Gruyter.

 

Feick, Diana; Pietzuch, Anja & Schramm, Karen (2013). Alphabetisierung für Erwachsene. München: Klett-Langenscheidt.

 

Feick, Diana & Schramm, Karen (2016). Alphabetisierung mit Migrantinnen und Migranten. In Cordula Löffler & Jens Korfkamp (Hrsg.), Handbuch zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener (S. 214 225). Münster: Waxmann.

 

Holling, Yvonne (2007). Alphabetisierung neu zugewanderter Jugendlicher im Sekundarbereich. Zur schulischen Situation analphabetischer Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in einer niedersächsischen Stadt. Oldenburg: BIS-Verlag der Carl-von-Ossietzky-Universität.

 

Peikert, Ingrid & Brosig, Priscilla Harris (2009). Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch. In Susan Kaufmann; Erich Zehnder; Elisabeth Vanderheiden & Winfried Frank (Hrsg.), Zielgruppenorientiertes Arbeiten (Fortbildung für Kursleitende Deutsch als Zweitsprache: Deutsch als Fremdsprache, Bd. 4, S. 159 195). München: Hueber.

 

Ritter, Monika (2010). Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch. In Hans-Jürgen Krumm; Christian Fandrych; Britta Hufeisen & Claudia Riemer (Hrsg.), Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Ein internationales Handbuch (S. 1116 1129). Berlin: De Gruyter.

Bereits erschienen: Basiswissen sprachliche Bildung