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09. Oktober 2018 Aktuelles

Lehrgarten statt Klassenzimmer - Ein beeriger Projekttag

Ahmed sitzt mit verbundenen Augen vor einer Schüssel mit Johannisbeeren. Geschickt steckt sich der Junge eine Frucht nach der anderen in den Mund. „Und: Wie schmecken die?“, fragt Lehramtsstudentin Nele Knigge, die neben Ahmed Platz genommen hat und ihn an diesem Tag unterrichtet. „Lecker und sauer“, antwortet der 13-Jährige. Dann nimmt er die blickdichte Brille ab und schlägt das Forscherheft auf, das auf dem Tisch vor ihm liegt. „Die Johannisbeere schmeckt …“ liest Ahmed vor – und vervollständigt den Satz mit „s-a-u-e-r und l-e-c-k-e-r“. Diese Wörter sagt er sich selbst laut und mit Bedacht vor, während er Buchstabe für Buchstabe fehlerfrei zu Papier bringt.
 
Sprachsensibles Material entwickeln und erproben
 
Gemeinsam mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern aus einer Vorbereitungsklasse des Kölner Schiller-Gymnasiums hat Ahmed an diesem Vormittag sein Klassenzimmer gegen ein Unilabor und den Lehrgarten getauscht. Denn dort findet der Projekttag von MINTegration statt. Ziel des Projekts ist es, dass Kölner Lehramtsstudierende sprachsensible Lernmaterialien für den Biologieunterricht entwickeln, sie in der Praxis testen, evaluieren und überarbeiten – und dadurch die Kinder sprachlich und fachlich schulen. Das Projekt, das gemeinsam vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, dem Institut für Biologiedidaktik, dem Institut für Chemiedidaktik und dem Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL) von der Universität zu Köln durchgeführt und vom Ford Motor Company Fund gefördert wird, ist vor Kurzem bis Mai 2019 verlängert worden.
 
MINTegration richtet sich vor allem an Kinder aus Vorbereitungsklassen, die stärkere sprachliche Unterstützung brauchen und denen sprachsensible Materialien beim Spracherwerb helfen sollen. Ahmed, die anderen sechs Jungen und vier Mädchen, die gebürtig aus Syrien, dem Irak und Rumänien kommen, leben seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Darüber hinaus möchte das Projekt – wie auch sein Name nahelegt – den Kindern über den MINT-Unterricht (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) die Integration hierzulande erleichtern.
 
Sprachliches und fachliches Lernen verbinden
 
„Sprache ist eine Grundvoraussetzung, um fachliche Inhalte zu verstehen und im Fach zu kommunizieren“, betont Victoria Hollmann vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und Mitarbeiterin der Biologiedidaktik, die das Projekt leitet. „Bei MINTegration sollen die Kinder sprachlich gefördert werden, sie sollen Fachbegriffe lernen, aber auch für die Biologie begeistert werden“, sagt sie. Um sprachliche und fachliche Kompetenzen bestmöglich miteinander zu verbinden, bietet es sich ihr zufolge an, die Inhalte mit dem Alltag der Lernenden zu verknüpfen. Auch deshalb haben sich die Kölner Lehramtsstudierenden, die die Kinder an diesem Projekttag unterrichten, für das Thema Beeren entschieden. Dazu haben sie einen Stationenlauf und ein Forscherheft entwickelt, in dem die Mädchen und Jungen die Ergebnisse und neue Fachbegriffe festhalten können – sowie Ahmed es bereits bei den Johannisbeeren getan hat.
 
Diagnostik und Unterstützung durch Scaffolds
 
„Bevor wir das Material konzipiert haben, haben wir eine Sprachstanderhebung in der Klasse gemacht“, erzählt Lehramtsstudent Mirko Trenz. „Um sprachsensibel zu unterrichten, muss man unbedingt vorher diagnostizieren und sich bei der weiteren Arbeit an der Lerngruppe orientieren.“ Deswegen haben die Lehramtsstudierenden in dem sprachsensibel aufbereiteten Forscherheft nicht nur verständliche Aufgaben gestellt, sondern auch geschaut, wie sie Scaffolds, also sprachliche Baugerüste, einsetzen können, die den Kindern beim Lösen der Aufgaben helfen. Dazu gehören zum Beispiel Wortlisten, Formulierungshilfen, Satzanfänge oder erklärende Bilder.
 
Diese nutzt Ahmed gerade, um Schritt für Schritt den Teig für Heidelbeermuffins herzustellen. Andere Kinder füllen derweil in Kleingruppen einen Steckbrief zur Erdbeere aus, sehen sich die Früchte mit Lupen an, beschreiben sie mündlich und schriftlich und notieren den Namen der Beeren in ihrer Muttersprache. Während ein Mädchen und zwei Jungen aus Syrien mit Fotos durch den Lehrgarten laufen und die entsprechenden Pflanzen zu den jeweiligen Beeren suchen, haben Shahd und Rouha dort auf einer Bank Platz genommen.
 
Vor ihnen stehen verschiedene Getränke und Früchte, bei denen sie mittels eines Versuchs den Vitamin C-Gehalt bestimmen sollen. „Zuerst schätzen wir mal, wie viel Vitamin in den Getränken und Früchten ist“, sagt Lehramtsstudent Mirko Trenz, der diese Station betreut. „Wisst ihr was ‚schätzen‘ bedeutet?“, fragt er die beiden Mädchen. „Das ist so etwas wie raten“, antwortet Shahd. Gemeinsam mit Rouha trägt sie die Schätzwerte in ein Koordinatensystem ein, dann nimmt sie sich einen Teststreifen, mit dem sie den Vitamin C-Gehalt genau bestimmen kann. Vorher müssen die Schülerinnen das Obst zerkleinern. „Dafür nehmen wird das“, sagt Rouha und zeigt auf einen Mörser mit einem Stößel, der vor ihr steht. „Ich weiß aber nicht, wie das heißt.“ Wenig später haben die Mädchen auch diese Wörter gelernt und halten einen Teststreifen in das zerkleinerte Obst.
 
Abwechslung und Methodenvielfalt
 
„Wir wollten den Kindern möglichst viel Abwechslung bieten und haben an den Stationen verschiedene sprachsensible Methoden eingesetzt“, erklärt Lehramtsstudentin Nele Knigge. „Mir war es wichtig, mit den Kindern nicht nur zu lesen und zu schreiben, sondern möglichst viele Sinne einzubeziehen, weil sie so beim Lernen unterstützt werden.“ Ein Effekt, den die elfjährige Shahd bestätigt: „Mir hat das Anfassen der Früchte geholfen. So konnte ich Dinge besser verstehen.“
 
Gleichzeitig bieten die verschiedenen Methoden auch vielfältige Anknüpfungspunkte. Das ist in heterogenen Lerngruppen, in der Kinder ganz unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten haben, besonders hilfreich. „Diese Praxiserfahrung hat mir viel gebracht und zugleich noch mal verdeutlicht, dass man immer alles an die Lerngruppe anpassen und viel differenzieren muss“, resümiert Mirko Trenz. Während seine Vitamin C-Versuche bei einigen gut geklappt hätten, seien bei anderen das Vorwissen zu niedrig und die sprachlichen Barrieren zu hoch gewesen. „Das habe ich überschätzt und werde weiter ausprobieren, welche Hilfestellungen ich geben kann, damit es besser passt.“
 
Vorbereitung für heterogene Lerngruppen
 
Auch Lehramtsstudentin Nele Knigge nimmt aus dem Projekttag Einiges mit. „Ich habe gelernt, auf die sehr große Heterogenität innerhalb der Lerngruppe einzugehen. Für einige Kinder waren Wörter wie ‚Inhalt‘ oder ‚diskutieren‘ zu schwierig. Darüber habe ich gar nicht so groß nachgedacht, aber das muss man eben bei der Unterrichtsplanung berücksichtigen“, reflektiert sie. „Und zwar nicht nur im Fach Deutsch. Sprachsensibler Unterricht ist in allen Fächern wichtig.“
 
Und wie fanden die Schülerinnen und Schüler der Vorbereitungsklasse den Projekttag? Sehr gut – wie in einer Blitzlichtrunde deutlich wird, für sie sich die Kinder am Mittag in einen großen Stuhlkreis zusammensetzen. Einige loben die Spiele, andere die Worträtsel, das Backen der Muffins, die Vitamin C-Versuche oder den Umgang mit Fachinhalten. „Mir hat der Tag sehr gut gefallen. Es war interessant, mehr über die Beeren zu erfahren“, sagt Ahmed. „Wenn ich Wörter oder Aufgaben nicht verstanden habe, habe ich nachgefragt. Mir haben vor allem die Wörterliste und die Bilder beim Verstehen geholfen“, betont der 13-Jährige. Ob es ein Wort gibt, das er heute gelernt hat und sich besonders gemerkt hat? „Ja“, sagt Ahmed und grinst – „Lupe!“.


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