16.07.2015
Material

Fachtagung "Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule": Vortrag, Fachgespräch und Foren

Wie müssen Schule und Unterricht für Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse aussehen, um die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln und gleichzeitig Potenziale zu fördern? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Fachtagung "Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule" am 17. Juni 2015 in Köln des Merator-Instituts und des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.

Hier finden Sie die Leitfragen und wesentlichen Thesen des Vortrags, des Fachgesprächs sowie aus den Foren. Außerdem haben wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, Links zu guten Beispielen und Materialien zu sammeln. Die Liste finden Sie weiter unten.

Dokumentation zu Vortrag, Fachgespräch und Foren

Vortrag: Chancen und Herausforderungen in Klassen mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, stellvertretender Direktor des Mercator-Instituts

Der Diskurs um die schulische Integration von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen hat in Deutschland eine lange Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert suchten Politik und Schulen nach Lösungen und Strategien, um Kinder ausländischer Arbeiterinnen und Arbeitern ohne Deutschkenntnisse an deutschen Schulen zu unterrichten. Hochphasen des Diskurses gab es in Deutschland im 20. Jahrhundert im Rahmen der Flüchtlingsbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg sowie mit dem Familiennachzug von „Gastarbeitern“ in den 1970er Jahren und dem erhöhten Zuzug von Aussiedlern und geflüchteten Menschen Mitte der 1980er Jahre. In den letzten Jahrzehnten konnten dabei bereits wesentliche Fortschritte im Bezug auf die Stellung und den Umgang mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen in der Schule erreicht werden: So herrscht im 21. Jahrhundert in Politik und Gesellschaft  Konsens über die Notwendigkeit einer chancengerechten Bildung für alle Kinder. Sprachliche Bildung und Deutsch als Zweitsprache haben sich zu anerkannten Disziplinen und Forschungsbereichen in den Bildungswissenschaften entwickelt und vielerorts gibt es bereits erfolgreiche Praxis-Modelle für die schulische Integration von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen.

Welche erprobten Modelle sprachlicher Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gibt es? Welche Chancen bildet ein inklusives Bildungssystem? Und welche besonderen didaktischen Prinzipien sind bei der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche zu beachten?

Diesen und weiteren Fragen widmete sich der Vortrag von Prof. Dr. Hans-Joachim Roth auf der Tagung „Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule“ am 17. Juni in Köln.

Fachgespräch: Wie viel Segregation verträgt Integration? Bildung und gesellschaftliche Teilhabe für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg
Helmut Kehlenbeck, Freie Hansestadt Bremen, Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft
Moderation: Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, stellvertretender Direktor des Mercator-Instituts

Was wissen wir über die Lebens- und Bildungswirklichkeit der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen?

Kehlenbeck: Nur ca. 20 bis 30 Prozent aller zugewanderten Kinder und Jugendlichen in Seiteneinsteigerklassen in Bremen halten sich im Rahmen eines Asylverfahrens in Deutschland auf. Die übrigen Zugewanderten kommen im Rahmen der Freizügigkeit innerhalb der EU, durch Familienzusammenführung, Arbeitsmigration der Eltern etc. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die jährlich neu ohne Deutschkenntnisse in die Schulen im Land Bremen aufgenommen werden, beträgt dabei lediglich ca. ein Prozent der Gesamtschülermenge.

Seukwa: Vielen Lehrkräften fehlt es an Wissen über die Lebenswelt ihrer neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern.

Welche Erfahrungen wurden bisher im Umgang mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen gemacht?

Kehlenbeck: Das Land Bremen hat in den Jahren 2004 bis 2008 drei FörMig-Projekte durchgeführt. Mittlerweile gibt es einen Strukturentwicklungsplan inklusive Schulkonzept („Voneinander und miteinander lernen. Entwicklungsplan Migration und Bildung für das Land Bremen 2014 – 2018“). Solche weitreichenden Konzepte sind allerdings nicht in allen Bundesländern (vor allem nicht in solchen mit geringem Migrationsanteil) in gleicher Weise umsetzbar.

Kann man angesichts der Heterogenität bei neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen überhaupt von einer Gruppe sprechen?

Seukwa: Gruppe ist ein exkludierender Begriff, wenn er im Rahmen pragmatischer Prozesse dazu benutzt wird, „die Einen“ von „den Anderen“ abzugrenzen. Das ist pädagogisch oft nicht sinnvoll, manchmal aber notwendig. Bei den neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen bestehen große individuelle Unterschiede hinsichtlich der Migrationserfahrungen, der persönlichen Lebensumstände und vor allem hinsichtlich des Aufenthaltsstatus. Als gemeinsames Merkmal ist aber oft eine hohe Belastbarkeit auszumachen, eine spezifische Form der Resilienz, die man als ‚Habitus der Überlebenskunst‘ bezeichnen kann. Sie ermöglicht es ihnen, trotz vieler widriger Umstände im Aufnahmeland nicht den Mut zu verlieren, das Beste aus der Situation zu machen und die vorhandenen Bildungschancen zu nutzen.

Welche Schritte muss die Politik als nächstes im Umgang mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen unternehmen?

Kehlenbeck: Die öffentliche Debatte muss versachlicht, die Arbeit an der Lösung der Probleme konstruktiv in Angriff genommen und verstetigt werden. Obwohl die Beschulung von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen in Deutschland seit Jahrzehnten ein Dauerthema ist, gab es bisher immer nur kurzfristige Finanzprogramme. In Bremen ist nun eine Task Force „Flüchtlingsunterbringung“ gegründet worden, die auf der Grundlage einer ressortübergreifenden Strategie Integration als Aufgabe der ganzen Stadt versteht.

Was muss bei der Fortbildung von Lehrkräften für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche berücksichtigt werden?

Seukwa: Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche brauchen nicht nur Sprachförderung. Sie brauchen auch – und vor allem – teilnehmerorientierte Angebote, die ihre individuellen Biografien berücksichtigen und eine schnelle Inklusion ermöglichen. Diese Angebote werden Lehrer allein nicht realisieren können. Nur Schule genügt nicht: Bildungsnetzwerke, die in der Lage sind, ein umfassendes Diversity Management zu leisten, sind unabdingbar. Dazu bedarf es weitreichender, struktureller Veränderungen im Bildungsbereich.

 

Forum 1: Alphabetisierung

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Anne Berkemeier, Pädagogische Hochschule Heidelberg
Stephanie Krupp, Waldparkschule Heidelberg
Moderation: Katarina Wagner, Mercator-Institut

Vor welchen Herausforderungen stehen nicht alphabetisierte, neu zugewanderte Kinder und Jugendliche?

Die nicht alphabetisierten, neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen stehen vor der Herausforderung, den Schriftspracherwerb in einer Sprache zu bewältigen, in der sie entweder noch über keine oder nur sehr geringe Kenntnisse verfügen.

In Abhängigkeit von den individuellen Vorkenntnissen und Vorerfahrungen der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen (keine Schrifterfahrung; nicht-alphabetische Schrifterfahrung; lateinische, latein-verwandte und nicht-lateinische Alphabetschrifterfahrung)  stehen die Kinder und Jugendlichen außerdem vor der Herausforderung bereits erworbene Kenntnisse in den Bereichen phonologische Bewusstheit, Schreibtechnik und Phonem-Graphem-Korrespondenz nun in einer zweiten Sprache, in diesem Fall Deutsch, zu erwerben.

Wie können nicht alphabetisierte, neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Primar-und Sekundarbereich unterrichtet werden?

Bei der Alphabetisierung von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Individuelle Vorerfahrungen und Voraussetzungen in den Schriftkenntnissen berücksichtigen. In Abhängigkeit von den Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen sind eventuell Vorkenntnisse zu erwarten und unterstützende Übungen nicht notwendig bzw. unterstützende Übungen und Arbeitsmaterialien sowie eine intensivere und längere Förderung erforderlich.
  • Mehrsprachige Kompetenzen in der Alphabetisierung gezielt nutzen, indem in der Alphabetisierung sprachkontrastiv (Kontrastierung der Erstsprache und Deutsch als Zweitsprache) gearbeitet wird.  (Beispiel sprachkontrastive Hörtabelle mit Overlay: positiven Transfer sowie Interferenzen erkennen und gezielt vermitteln).
  • Die Alphabetisierung durch die Kombination von Bildschriftsystem und Schrifterwerb ist von Vorteil, da die Sprache von Anfang an ganzheitlich (Wortschatz, Grammatik) und funktional eingebunden erworben werden kann. (Beispiel: Satzleiste, Bildkarten mit Any-Book-Reader)
  • Entscheidung über den in der Alphabetisierung zu erwerbenden Schrifttyp sorgfältig treffen (z.B. Druck- oder Schreibschrift): Dabei sollten die Voraussetzungen und Vorerfahrungen der Kinder und Jugendliche berücksichtigt, indem z.B. die bereits erlernte Schrift, wie Druck- oder Schreibschrift, für die Alphabetisierung zugelassen wird.
  • Mit der Orthographievermittlung sollte erst begonnen werden, wenn die Hörgewohnheiten entsprechend entwickelt bzw. Aussprache und Hördiskriminierung vorhanden sind.
  • Für die Alphabetisierung neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher sollte individualisiertes  Material in offenen Unterrichtssituationen angeboten werden.

Bisher gibt es wenige Materialien für die Alphabetisierung. Die im Workshop vorgestellten Ideen und Materialien können bald im Internet auf der Projekthomepage eingesehen werden.

Anregungen für die Wissenschaft:

Für die Wissenschaft besteht Handlungsbedarf hinsichtlich zweier Aspekte: Zum einen müssen Konzepte und Materialien für die Alphabetisierung von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen für die Praxis entwickelt, erprobt und empirisch überprüft werden. Zum anderen müssen diese Konzepte und Materialien durch Fortbildungen an die Lehrkräfte herangetragen werden. Die Konzepte der Wissenschaft können nur in die Praxis implementiert werden, wenn die Lehrkräfte in Fortbildungen an die Materialien und die dahinterstehenden Konzepte und Prinzipien herangeführt werden.

Anregungen für die Praxis:

Lehrkräfte sollten verfügbare Fortbildungsangebote im Bereich DaZ, und insbesondere im Bereich Alphabetisierung, nutzen. Der Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit innerhalb der Kollegien sollten außerdem intensiviert und gefördert werden, so z.B. zur gemeinsamen Erarbeitung von Unterrichtsmaterialien.

Forum 2: Fortbildung von Lehrkräften

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Gabriele Kniffka, Pädagogische Hochschule Freiburg
Andrea Hofer, Landeskoordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren (LaKI)
Moderation: Lale Altinay, Mercator-Institut

Wie sollte ein Fortbildungsangebot für Lehrkräfte konzipiert werden?

Fortbildungen erfahren eine hohe Akzeptanz, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Bezug auf konkreten Unterricht (close to the job) und auf Curriculum,
  • Gelegenheit zum Austausch mit KollegInnen,
  • Möglichkeit der Partizipation und Feedback,
  • Durchführung von kompetenten DozentInnen,
  • Positive Atmosphäre

Des Weiteren führen Fortbildungen zu positiven Effekten, wenn sie an Prä-Konzepte (subjektiven Theorien) der Teilnehmenden angeknüpft werden, Videografien als Reflexionsinstrument eingesetzt und externe Experten einbezogen werden.

Welches Wissen und welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, um neu zugewanderte Kinder und Jugendliche optimal zu fördern?

In den Fortbildungen, die sich an Lehrkräfte für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule richten, sollten folgende Kenntnisse und Kompetenzen ausgebaut werden:

  • Einstellungen und Haltungen (Potenzialblick, Wertschätzung der Mehrsprachigkeit, reflektierte Praxis),
  • Fähigkeiten (fachwissenschaftliche Kompetenz, fachdidaktische Kompetenz, Methodenkompetenz),
  • Wissen (soziale, ökonomische und kulturelle Lebenssituationen migrierter Familien; rechtliche Voraussetzungen und Organisationsmodelle; Spracherwerb und sprachliches Lernen; Sprachdiagnostik; Stolpersteine im Zweitspracherwerb; Besonderheiten der fachspezifischen Sprache und Textsorten).

Anregungen für die Wissenschaft:

Weitere Erforschung der Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Lehrerfortbildungen, insbesondere in den Bereichen Deutsch als Zweitsprache und sprachliche Bildung, sind dringend notwendig. Die Wissenschaft soll die Praxis bei den Fortbildungen als kompetenter Partner unterstützen.

Anregungen für die Bildungsadministration:

Der Aufbau einer integrationspolitischen flächendeckenden Infrastruktur ist notwendig. Dabei sollen jedoch keine Parallelstrukturen zu staatlichen Fortbildungsangeboten entwickelt werden, sondern eine Bündelung unterschiedlicher Stellen und Angebote wird angestrebt.

Anregungen für die Praxis:

Die Lehrerausbildung braucht beides: fundiertes theoretisches (fachwissenschaftliches und fachdidaktisches) Wissen und vielfältige Möglichkeiten zum Sammeln von praktischen Erfahrungen (z. B. in Form von Schulpraktika oder Praxissemester).

Die sich in der Wirksamkeitsforschung als effektiv erwiesenen Merkmale sollten bei der Planung und Durchführung von Lehrerfortbildungen berücksichtigt werden.

Forum 3: Lebenswelt von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg
Carmen Martinez Valdes, Ausbildung statt Abschiebung (ASA) e.V. Bonn
Moderation: Mona Massumi, Zentrum für LehrerInnenbildung, Universität zu Köln

Wie sieht die Lebenswelt neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler aus?

Die Lebenswelten neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler sind äußerst heterogen. Das individuelle Lebenssystem wird geprägt durch verschiedenste Faktoren. Eine Rolle spielen dabei unter anderem die individuelle Zuwanderungsgeschichte, der Aufenthaltsstatus, die schulische Vorbildung, die wirtschaftliche Situation, das Wohnumfeld, der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, die psychische und emotionale Stabilität der Kinder und Jugendlichen sowie insbesondere auch die Angebote der aufnehmenden Institutionen.

Welche Ressourcen bringen sie mit?

Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche bringen aufgrund ihrer transnationalen Biografien zahlreiche Ressourcen mit. Sie verfügen beispielsweise über vielfältige Sprach-, Sozialisations- und häufig auch Arbeitserfahrungen aus verschiedenen Lebenskontexten und damit über entsprechende Kompetenzen.

Vor welchen systematischen Herausforderungen stehen sie?

Neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler werden häufig mit vielfältigen Formen der Diskriminierung und Marginalisierung konfrontiert – sowohl direkt als auch auf struktureller Ebene. Systemische Barrieren verhindern, dass Kinder und Jugendliche ihre Potentiale voll nutzen können: Im Heimatland oder in Transitländern informell erworbene Kompetenzen werden beispielsweise im deutschen Bildungs- und Berufssystem oft nicht (an-)erkannt. Das Leben in dem neuen Land unter diesen Bedingungen zu meistern stellt für die Kinder und Jugendlichen eine große Herausforderung dar.

Was ist die Rolle pädagogischer und sozialer Akteurinnen und Akteure?

Die Rolle der pädagogischen und sozialen Akteurinnen und Akteure muss die eines Partners oder einer Partnerin sein, der bzw. die auf Augenhöhe mit den Betroffenen agiert. Es gilt, die stellenweise immer noch vorhandene paternalistische Haltung zu überwinden und durch eine wertschätzende und ressourcenorientiere Grundhaltung zu ersetzen.

Anregungen für Bildungsadministration und Praxis:

Wesentlicher Handlungsbedarf in der Bildungsadministration besteht in der Anerkennung der in den Herkunfts- und Transitländern erworbenen Qualifikationen der Schülerinnen und Schüler. Durch Biografiearbeit müssen insbesondere auch informell erworbene Kompetenzen erfasst, modularisiert und schließlich zertifiziert werden.

Für die Praxis und die Bildungsadministration gleichermaßen relevant ist der Auf- und Ausbau von Bildungspartnerschaften, innerhalb derer verschiedene Erziehungs-, Bildungs-, Betreuungs- und Beratungsinstanzen eines Stadtteils oder einer Region gemeinsam den gesamten Lebenszusammenhang des Schülers oder der Schülerin in den Blick nehmen. Bislang nebeneinander agierende Angebote sind zu vernetzen, damit ein gezielteres Mit- und Ineinander der verschiedenen Lernwelten möglich ist.

Forum 4: Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache – eine passende Unterscheidung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche?

© A. Etges/Mercator-Institut

Prof. Dr. Bernt Ahrenholz, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Sabine Rutten, Landeskoordinatorin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in Schleswig-Holstein
Stefan Brömel, DaZ-Zentrum an der Dannewerkschule Schleswig
Moderation: Dr. Nora von Dewitz, Mercator-Institut

Welche Besonderheiten zeichnet Sprachförderung von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen aus?

Der Erwerb des Deutschen als Zweitsprache (DaZ) steht zwischen Deutsch als Fremdsprache (DaF) und dem ungesteuerten Spracherwerb. Zweitsprache bedeutet nicht, dass die Sprache zweitrangig ist. DaZ ist im Gegensatz zu DaF gekennzeichnet durch Rahmenbedingungen, die durch Migration bestimmt sind. DaZ wird im Land selbst (und nicht im Ausland) und in kommunikativen, hochrelevanten Handlungszusammenhängen erworben. Man muss alle Strukturen der Sprache entdecken und erkennen. Nicht selten reagieren Deutschsprachige auf DaZ-Lerner mit dem sogenannten Foreigner Talk.

Die DaZ-Didaktik steckt noch in den Anfängen – im Gegensatz zu DaF. Im DaF-Unterricht werden Themen in einer bestimmten Reihenfolge vermittelt und jeweils bestimmte grammatische Phänomene ausgewählt (z. B. erst einmal nur Verben mit Akkusativ lernen). Dies ist für den DaZ-Bereich nicht möglich, da dies in der lebensweltlichen Realität nicht auswählbar ist. Vielmehr gilt: Hier muss alles gleichzeitig erworben werden. Eine gelungene DaZ-Didaktik verbindet die schulische mit der außerschulischen Welt. Das heißt auch, dass die Themen zum Teil anders als im DaF-Unterricht sind bzw. sein müssen.

Lehrkräfte müssen sich darüber bewusst sein, dass manche Lernprozesse Zeit brauchen, auch wenn die Regeln einfach sind. So dauert es oftmals rund ein Jahr, bis DaZ-LernerInnen die Verbendstellung im Nebensatz beherrschen.

Wichtig ist auch die Vermittlung von Lernstrategien, insbesondere Formen des autonomen Lernens.

Welche bewährten Konzepte und Methoden können für den Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen genutzt werden?

Bewährt hat sich das Mehrstufenmodell für DaZ-Zentren in Schleswig-Holstein. Das Mehrstufenmodell in Schleswig-Hostein verdeutlicht, wie eine additive und eine integrative DaZ-Förderung umgesetzt werden kann.

Das Modell ist folgendermaßen aufgebaut:

  • Phase I: Sprachstandserfassung, Vollzeitbasiskurs mit ca. 25 Wochenstunden (1-2 Schulhalbjahre), Sprachprüfung DaZ (B1) und Schullaufbahnberatung
  • Phase II: DaZ-Aufbaukurs (2-6 UE pro Woche, nachmittags), volle Teilnahme am Unterricht im Klassenverband
  • Phase III: Volle Teilnahme am Unterricht im Klassenverband, Stützkurs

Die Phasen I bis III umfassen einen Unterstützungszeitraum von vier bis fünf Jahren.

„Das Mehrstufen-Modell in Schleswig-Holstein ermöglicht jeder Schülerin und jedem Schüler einen ganz individuellen Weg, Deutsch zu lernen. Manchmal dauert das ein dreiviertel Jahr, manchmal drei Jahre.“

(Sabine Rutten)

Wie kann man die vorhandenen DaF- und DaZ-Materialien sinnvoll einsetzen und für die Zielgruppe anpassen?

Für den DaZ-Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen ist der Bezug zur Lebenswelt der LernerInnen von großer Bedeutung. Hier ist die Kreativität der Lehrkräfte gefragt. Mögliche Ideen für einen lebensweltbezogenen DaZ-Unterricht sind zum Beispiel das Lernen von Verben anhand von Handyfotos der Schülerinnen und Schüler, kurze Referate zu Themen, die die Schülerinnen und Schüler interessieren, kreatives Schreiben inklusive Textplanung in der Erstsprache, Schreiben von Texten am PC oder der Einsatz von Musik und Spielen.

Forum 5: Modelle der Unterrichtsorganisation für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche als Element einer migrationssensiblen Schulentwicklung

© A. Etges/Mercator-Institut

Raphael Bak, Heinrich-Heine-Gymnasium Köln
Prof. Dr. Sara Fürstenau, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Mercator-Institut
Zeynep Sali, Heinrich Schieffer Hauptschule Köln
Moderation: Dr. Henrike Terhart, Justus-Liebig-Universität Gießen & Johanna Grießbach, Mercator-Institut

Wie lässt sich der Unterricht für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche als Teil einer migrationssensiblen Unterrichtsentwicklung verstehen

Migrationssensible Schulentwicklung verwirklicht grundlegende Prinzipien von Bildungsgerechtigkeit. Sie schafft eine gleichberechtigte Teilhabe zugewanderter Kinder und Jugendlicher am Bildungssystem und trägt dazu bei, institutionelle Diskriminierung zu vermindern.

Eine konsequente Verfolgung dieses Gedankens zieht notwendigerweise eine Reflexion der Machtverhältnisse in Schulen und sozialen Hierarchien nach sich, da die Verwirklichung der Bildungsgerechtigkeit für zugewanderte Kinder und Jugendliche im Schulsystem eine Intervention in alle Organisations- und Arbeitsbereiche von Schule und Unterricht darstellt.

Die Formen des äußeren Organisationsrahmens der verschiedenen Modelle von Unterricht für neu zugewanderte Kinder bewegen sich auf einem breiten Kontinuum zwischen Integration in das bestehende System und Separation von diesem. Die Entscheidungskriterien, die Schulen hierbei zugrunde legen, differieren vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Voraussetzungen in organisatorischer und personeller Hinsicht ebenso wie im Bezug auf die Zielsetzung.

Wie können Schulen die Entscheidung für extra eingerichtete Klassen oder die Integration der Schülerinnen und Schüler in den Regelunterricht treffen?

Unabhängig davon, für welches Modell der Integration sich Schulen entscheiden, maßgeblich ist vor allem, das Organisations-, Unterrichts- und Personalentwicklung eng ineinandergreifen müssen. Darüber hinaus ist eine Vernetzung mit außerschulischen Institutionen anzustreben.

Bei der Isolierung von Entscheidungskriterien für ein Modell der Integration ist eine doppelte Perspektivierung angeraten: Sowohl Faktoren, die auf die Tätigkeit der Lehrkräfte Einfluss nehmen, sind hierbei zu berücksichtigen wie auch die Tatsache, dass es sich bei den sog. "Newcomers" um eine stark heterogene Gruppe handelt.

Anregungen für die Wissenschaft:

Wissenschaftlich gesehen gibt es zu den Gelingensbedingungen bisheriger Integrationsmodelle nur wenig aussagekräftige Studien. Zu untersuchen wären insbesondere die Einflussfaktoren, die in den genannten Bereichen wirksam werden.

Im Bereich der Fortbildung von Lehrkräften besteht noch Handlungsbedarf, der durch forschungsbegleitete Programme aufgefangen werden könnte.

Anregungen für die Bildungsadministration:

Oft steht die Einzelschule vor Rahmenbedingungen, die eine dynamische Entwicklung verhindern. Insbesondere müssen Strukturen geschaffen werden, die eine leichte Vernetzung von Schule und außerschulischen Institutionen befördern.

Anregungen für die Praxis:

Die Arbeit mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen kann durch gezielte Strategien der Schulentwicklung aufgewertet werden. Fächerübergreifende Kooperationen sollten ebenso angestrebt werden wie die Schaffung günstiger organisatorischer Rahmenbedingungen.

Linkliste

Hier finden Sie eine Linksammlug zu Projekten und Institutionen aus den Bereichen Sprachliche Bildung, Sprachförderung und Schule für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche. Die Linksammlung wurde auf der Fachtagung von den Teilnehmenden erstellt.

Kontakte Einblicke in die Praxis

Ausbildung statt Abschiebung e.V. - Avanti! – Individueller Förderunterricht und Sprachförderungskurse
DaZ-Portal für Lehrpersonen der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgien
Deutsch für den Schulstart
Deutscher Verein zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung e.V.
ExperiMINTA ScienceCenter FrankfurtRheinMain
Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund an der Universität Bremen
Förderunterricht für Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprachen an der Universität Bielefeld
Kommunales Integrationszentrum Köln - Internationale Förderklassen an Kölner Berufskollegs
Kooperationsprojekt Sprachliche Bildung des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg: Arbeitsbereich Deutsch
Landesweite Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren: Handlungsfeld Seiteneinsteiger
Lernportal "Ich will Deutsch lernen" des Deutschen Volkshochschul-Verband e.V.
Projekt Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte NRW
Netzwerk der Pädagoginnen und Pädagogen mit Zuwanderungsgeschichte in Bremen
Projekt DaZNet in Niedersachsen
Projekt Inklusion Aktuell
Projekt ProDaZ an der Universität Duisburg Essen
Projekt Umbrüche Gestalten: Sprachförderung und – bildung als integrale Bestandteile innovativer Lehramtsausbildung in Niedersachsen
Projekt UMF-PERSPEKTIVE: Sprach- und Lernförderung Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge (UMF) zur Integration in das deutsche (Aus)Bildungssystem
Projekt Zusammen. Zuwanderung und Schule gestalten in Duisburg
QLN –Reihe an der Universität Duisburg-Essen: Qualifizierung von Lehrkräften für das Unterrichten von neuzugewanderten Schülerinnen und Schülern
QuisS (Qualität in sprachheterogenen Schulen)
telc Training: Weiterbildungsprogramm von der telc gGmbH
Verbundprojekt „Durchgängige Sprachförderung“ der PH Heidelberg
Willkommen bei Freunden - Bundesprogramm für junge Flüchtlinge