14.12.2013
Bericht

Wie geht es weiter mit den Sprachstandsverfahren?

Sprachstandstests stellen im Leben eines Kindes entscheidende Weichen. Umso wichtiger ist es, die Stärken und Schwächen der Verfahren zu kennen. Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache hat deshalb Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis zu einer Fachkonferenz nach Köln eingeladen, um die Ergebnisse einer Studie zu diskutieren, in der die unterschiedlichen Verfahren miteinander verglichen wurden.

Die Fachkonferenz begann mit einer guten Nachricht. „Die Verfahren genügen zunehmend diagnostischen Standards“, lobte Dr. Uwe Neugebauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator-Institut, der die 21 offiziell eingesetzten Sprachstandstests unter die Lupe genommen hat. Allerdings traten durch die Analyse auch Schwachstellen der Sprachstandverfahren und offene Fragen zutage: So lagen für mehr als die Hälfte der Verfahren keine Angaben zu den Auswahlfehlern vor. Knapp der Hälfte der Verfahren genügten dem Kriterium der Alltagsnähe nicht. Nur wenige Tests berücksichtigen die Mehrsprachigkeit von Kindern angemessen.

Der Vorstellung der Studie schloss sich eine Feedbackrunde zur Vorgehensweise von Uwe Neugebauer und seinem Team an. Etliche Anwesende empfahlen eine klarere Gewichtung der Kriterien, beispielsweise eine Aufteilung in Muss- und Kann-Kriterien. Andere wünschten sich, dass in eine zukünftige Bewertung der Sprachstandsverfahren auch das zur Verfügung stehende Geld, das Stundendeputat und die Fördermittelrichtlinien einbezogen werden. Einige Teilnehmer äußerten den Eindruck: „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.“ Auch dass Sprachentwicklungsstörungen nicht in der Studie berücksichtigt worden waren, stieß auf Kritik.

Auf der Haben-Seite verbuchten die Konferenzteilnehmer, dass die Analyse mehr Transparenz schaffe und für Orientierung sorge: „Die Landschaft wird klarer“. „Eine verdienstvolle Arbeit“, lobte Peter May vom Hamburger Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung, selbst seit vierzig Jahren Testentwickler. Auf Zustimmung stieß vor allem die Forderung nach Verfahren, die tatsächlich messen, wie sich ein Kind vom Kindergarten bis zur dritten Klasse sprachlich entwickelt: die so genannte prognostische Validität.

Und inwieweit kann die Studie als Grundlage für eine stärkere Vereinheitlichung der Verfahren dienen? Da dämpften die Ländervertreter die Erwartungen der anderen Konferenzteilnehmer. Zum einen seien bereits zahlreiche Steuerkreise vorhanden. Zum anderen pochten viele Einrichtungsträger bei der Beurteilung der Sprachentwicklung der Kinder auf ihre Autonomie: „Der Konsens unter Wissenschaftlern ist nur ein Faktor unter vielen. Es muss vor allem Akzeptanz in den Einrichtungen herrschen“, sagte Dr. Hans Eirich, Referatsleiter Frühkindliche Bildung und Entwicklung im Bayerischen Familienministerium.

Ähnlich kritisch beurteilten die Ländervertreter den Wunsch nach einer besseren Qualifizierung der Erzieherinnen, die Sprachstandstests durchführen. Die Untersuchung hatte ergeben, dass schon kleine Abweichungen im Ablauf die Ergebnisse stark beeinflussen können, beispielsweise wenn Texte nicht per DVD eingespielt, sondern von der Erzieherin vorgelesen werden. „Das ist sehr kopflastig und überfordert die Praxis“, gab eine Vertreterin aus Brandenburg zu bedenken – zumal viele Erzieherinnen Sprachstandstests ohnehin für das falsche Instrument hielten. Maria Lamaina, Leiterin der Kölner Kindertagesstätte „Casa Italia“ und Teilnehmerin der Podiumsdiskussion bestätige diese Sicht: „Wir sind eher der Meinung, dass wir Kinder besser fördern können, wenn wir sie im Alltag beobachten.“

Auch in der Abschlussrunde fand sich keine rechte Mehrheit für ein gemeinsames Verfahren in allen Ländern. Statt ein Nadelöhr für Testverfahren einzuführen, solle man die Kompetenzen vor Ort erheben und im Sinne der unterversorgten Kinder bündeln, regte Professor Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim an, deren eigenes Sprachstandsverfahren in der Studie gut abgeschnitten hatte. Andere schlugen als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Basis die Ausbildung von Sprachcoaches vor. Sie könnten die Kitas beraten und die Tests zusammen mit den Erzieherinnen durchführen.

Konsens herrschte darüber, dass bei mehrsprachigen Kindern alle Sprachen getestet werden müssen und dass es nach wie vor zu viele unterversorgte Kinder gibt. Und auch in diesem Punkt waren sich die Teilnehmer einig: Ohne Sprachstandserhebungen geht es nicht. „Solange wir eine Kinderbetreuung und keine Kinderbildung haben, brauchen wir sie.“

Außerdem teilten viele Konferenz-Teilnehmer die Forderung des Mercator Instituts, zukünftig bei Sprachstandstests die Quote der Auswahlfehler zu erheben, um sicherzustellen, „dass wir die richtigen Kinder fördern“. Hier erging der Auftrag an die Wissenschaft, ein Verfahren zur Erhebung der Auswahlfehler zu entwickeln. An die Bildungsverwaltung richteten die Teilnehmer den Wunsch, sich über einheitliche Kriterien zu verständigen, die zu einer Sprachfördermaßnahme führen.

Text: Beate Krol