11.03.2015
Diskussion

„Mut zum Ausprobieren und Diskutieren“

Afra Sturm ist Professorin für Deutsch und Deutschdidaktik am Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW. Derzeit leitet sie u. a. ein Projekt zum Aufbau einer systematischen Schreibförderung an Zürcher Schulen (QUIMS – Qualität in multikulturellen Schulen). Im Interview erläutert sie, warum Sprachförderung nicht ohne Schulentwicklung funktioniert.

Wie hängen Sprachförderung und Schulentwicklung zusammen?
Im Projekt haben wir versucht, die Schreibförderung auf drei verschiedene Förderschwerpunkte zu konzentrieren: basale Schreibfertigkeiten, Schreibstrategien und Schreiben als soziales Handeln. All diese Förderbereiche haben ihre eigenen Stolpersteine, zum Beispiel fehlendes Fachwissen oder dass diese Förderansätze auch mit bestimmten Überzeugungen einhergehen. Wenn ich beispielsweise glaube, Schreibstrategien sind ein probates Mittel, um guten Schreibunterricht zu machen, um auch die schwachen Schülerrinnen und Schüler zu fördern, dann setze ich sie auch ein. Wenn ich aber überzeugt bin, dass Schreiben ein natürlicher, nicht steuerbarer Lernprozess ist, dann werde ich Schreibstrategien nicht einsetzen, obwohl ich eigentlich das Fachwissen hätte. Hier kommt die Schulentwicklung ins Spiel: Wenn solche Themen im Kollegium diskutiert werden, öffnen sich auch Lehrpersonen, die sonst gegen einen bestimmen Ansatz sind. Sie sehen, dass damit etwas ausgelöst werden kann.

Wie sieht so ein Prozess konkret aus?
Das sind verschiedene Faktoren. Bei Quims spielt die Bildungsdirektion (Anm. der Red.: Äquivalent zum deutschen Kultusministerium) eine ganz wichtige Rolle, weil sie diese Schreibförderung will und die Schulen verpflichtet hat, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes eine Weiterbildung zu Schreibförderung zu absolvieren. Das Zweite ist, dass wir schulinterne Weiterbildungen durchführen. In den Schulen gibt es eine so genannte Begleitgruppe. Sie setzt sich aus Personen zusammen, die eine Führungsfunktion haben, die es schaffen, das Team zusammen zu bringen. Dazu gehört die Schulleitung. Sie muss dabei sein, denn sie trifft die Entscheidung ‚Wir als Schule, wir wollen das tun’. Dann gibt es eine so genannte Quims-Beauftragte für diese Schulen. Mit dieser Begleitgruppe klären wir, was bisher gemacht worden ist, wo es Knackpunkte gibt, wo aber auch schon Ansatzpunkte bestehen. Wir würden nicht an einem Punkt ansetzen, wo noch gar nichts gemacht worden ist oder wo wir merken, dass es zu große Widerstände gibt. Wir versuchen die Schulen bzw. die Begleitgruppe schrittweise dahinzuführen. Das ist der erste Schritt. Dann versuchen wir, alle Lehrpersonen der Schule einzubeziehen, indem sie einen Reflexionsbogen ausfüllen und sagen, was aus ihrer Sicht guter Schreibunterricht ist. Das ist die Basis, um nachher die Weiterbildung angepasst an die jeweilige Schule durchführen zu können.

Wie muss die Gesprächskultur an einer Schule aussehen, damit Schulentwicklung gelingt?
Das Kollegium braucht ein Gefäß, um sich austauschen zu können. Wenn die Gespräche nur zwischen Tür und Angel im Lehrerzimmer stattfinden, dann ist das nicht systematisch, sondern dem Zufall überlassen. Meistens entzünden sich dann Konflikte an Beurteilungen und Noten, es gibt aber keine Diskussion über gute Schreibförderung. Man braucht den Raum für den gemeinsamen Austausch. Das kann stufenbezogen sein, dass kann im stufenübergreifenden Kollegium sein. Die Schulleitung muss das unterstützen. Sie muss sagen, ‚Wir schaffen die Zeit dafür und wir reservieren sie für bestimmte Themen’. In diesem Austauschgefäß besteht dann die Möglichkeit über das Lernen zu diskutieren, gezielte Inputs zu geben, so dass dieser Diskurs überhaupt in Gang kommt. Nur so verstehen sich Lehrpersonen nicht immer nur als Einzelkämpfer, sondern merken, dass sie als Schule ein gemeinsames Denken haben.

Kennen Sie ein konkretes Beispiel?
Eine der Schulen, die wir begleiten, hatte ein neues Lehrmittel angeschafft. Das hat den Ausgangspunkt gebildet für die Entscheidung, mit diesem neuen Lehrmittel ein Schreibprojekt in der ganzen Schule durchzuführen. Die Schule als Ganzes hat sich darauf geeinigt. Zentral dabei war, dass nicht jede Lehrkraft etwas für sich vorbereitet hat, sondern dass das ganze Team vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse die Schreibprojektwoche gemeinsam geplant hat. Bei diesem gemeinsamen Planen sind natürlich ganz viele Diskussionen und Fragen aufgetaucht. Das gemeinsame Planen und Vorbereiten von Lektionen ist ein ganz wichtiger Punkt.

Zur Schulentwicklung gehört auch Weiterbildung. Wenn Sie für die Qualifizierung Gelingensbedingungen formulieren würden, wie sähen sie aus?
Über Weiterbildungen weiß man, dass sie, wenn es kurze, einzelne Weiterbildungen sind, ein halber Nachmittag etwa, nicht viel bewirken. Fortbildungen müssen über einen längeren Zeitraum gehen. Es ist aber nicht so, dass die Zeit das einzige Kriterium wäre. Wichtig ist, dass die Weiterbildung mit konkreten Praxisaufträgen verknüpft wird, so dass die Lehrpersonen merken ‚Wenn ich jetzt diese Aufgabe mit meiner Klasse durchführe, hat das eine bestimmte Wirkung auf meine Schüler’. Einer der Kindergärten im Projekt war zunächst der Meinung, die Schreibprojektwoche stelle zu hohe Anforderungen an die jüngeren Kinder. Sie waren sehr skeptisch. Aber beim Durchführen haben sie gemerkt, dass es funktioniert, und vor allem, dass es etwas ausgelöst hat, was sie gar nicht gedacht haben. Die Kinder waren danach viel interessierter an Schrift. Plötzlich wollten sie anfangen zu schreiben, selber ausprobieren.

Viele Schulen klagen, dass sie für solche Projekte nicht genügend Ressourcen haben.
Die Ressourcen sind nicht das einzig Entscheidende. Es ist sicher so, dass es Ressourcen braucht. Aber mit mehr Ressourcen hole ich noch nicht den guten Unterricht an die Schule. Entscheidend ist, welche Expertise die Lehrpersonen mitbringen, ihre Motivation und wie die Schulkultur ausschaut. Wenn man ganz geschickt mit diesen Ressourcen umgeht, zum Beispiel Projekte gemeinsam vorbereitet, dann schafft man wieder mehr Ressourcen, weil die einzelne Lehrperson entlastet wird. Aus meiner Sicht geht es darum zu schauen, wie man mit den vorhandenen Ressourcen geschickt umgehen kann, damit Schulentwicklung in Gang kommt.

Was würden Sie Lehrkräften und Schulleitungen gern mit auf den Weg geben?
Den Schulleitungen würde ich gerne mit auf den Weg geben, dass sie das Kollegium als eine lernende Gemeinschaft verstehen – dass sie Zeit einplanen, damit Gespräche stattfinden können, gemeinsames Vorbereiten, aber auch Input. Und sie sollten den Mut haben zu sagen ‚Wir als Schule wollen etwas erreichen und wir können das auch’ – also die Überzeugung, dass Schule als gesamte Einheit etwas bewirken und dass man daran arbeiten kann. Den Lehrpersonen würde ich gerne mitgeben, ein größeres Vertrauen in ihre Schülerinnen und Schüler zu haben und mehr Mut, etwas Neues auszuprobieren und anschließend mit den anderen Lehrpersonen zu diskutieren. Jeder macht im Unterricht andere Erfahrungen und wenn eine Lehrperson merkt, bei anderen funktioniert es, dann ist sie eher bereit, es noch einmal zu versuchen. Also: Mut zum Ausprobieren und zum Diskutieren.

Interview: Anna Kleiner

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Präsentation zur Vortrag von Afra Sturm "Schul- und Unterrichtsentwicklungen: Günstige Voraussetzungen und Stolpersteine>

Präsentation Afra Sturm