24.06.2021
Basiswissen

Mehrsprachige Unterrichtselemente

Was versteht man unter mehrsprachigem Unterricht? Welche Vorteile haben mehrsprachige Unterrichtselemente und welche mehrsprachigen Unterrichtsaktivitäten gibt es? Darüber informiert dieses Basiswissen.

Definition

Unter mehrsprachigem Unterricht wird eine Vielzahl von Lehr- und Lernaktivitäten verstanden, bei denen die Beteiligten didaktisch geplant jeweils mehr als eine Sprache bis hin zu vielen Sprachen nutzen. Das kann rezeptiv (beim Lesen oder Hören) und/oder expressiv (beim Schreiben oder Sprechen) sein (u. a. Candelier, Camilleri Grima, Castellotti, de Pietro, Lörincz, Meißner, Schröder-Sura & Noguerol, 2009). Die Begriffe Mehrsprachigkeitsdidaktik, Didaktik der Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Pädagogik werden oftmals synonym verwendet. Sie dienen als Sammelbegriffe für eine große Bandbreite an didaktischen Konzepten, denen allen die Nutzung von mehreren Sprachen im Unterricht gemein ist.

Eignung für unterschiedliche Lerngruppen

Mehrsprachige Unterrichtselemente bieten Lehrkräften die Möglichkeit, die mehrsprachigen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den Unterricht zu integrieren und zu fördern. Dabei können Lehrende alle Sprachkompetenzen der Lernenden einbeziehen, unabhängig davon, wie diese erworben wurden oder wie gut sie ausgeprägt sind. Im deutschen Schulsystem verfügen spätestens ab dem Englischunterricht in der Grundschule alle Schülerinnen und Schüler über solche Fähigkeiten, sodass Lehrkräfte ab diesem Zeitpunkt den Unterricht mehrsprachig gestalten können. Dies gilt sowohl für den Unterricht in sprachlichen Fächern als auch für den Sachfachunterricht und es ist auch mit Sprachen möglich, die die Lehrkraft selbst nicht spricht.

Vorteile mehrsprachiger Unterrichtselemente

Bei allen Formen des Lernens ist es hilfreich, wenn Lernende an bereits vorhandenes Vorwissen oder Vorerfahrungen anknüpfen können. So kann auch das Einbeziehen von mehrsprachigen Kompetenzen Synergieeffekte erzeugen und bewirken, dass Lernprozesse besonders effizient ablaufen. Das gilt sowohl in den Sprach- als auch in den Sachfächern. Mehrsprachige Lernende können vor allem in folgender Weise profitieren (u. a. Reich & Krumm, 2013): Sie können zum einen ihre Lernleistung und Motivation steigern, weil sie leichter an Vorwissen anknüpfen können. Das führt häufig auch dazu, dass sie sich mehr am Unterricht beteiligen. Zum anderen lässt sich die Sprachbewusstheit und Sprachlernkompetenz der Lernenden durch die Mehrsprachigkeit ausweiten, also das Wissen über Sprache und Lernprozesse, was wiederum das selbstständige Lernen unterstützen kann.

Sinnvoll ist eine Verbindung des mehrsprachigen Unterrichts mit dem Ansatz des Sprachsensiblen Unterrichts. So können die Lehrkräfte beispielsweise die mehrsprachigen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler als Scaffolding, also eine Art sprachliches Unterstützungssystem, für sachfachliche und sprachliche Lerninhalte heranziehen (u. a. Bredthauer, 2019). Verzahnungen der beiden Ansätze können als Sprachensensibler Unterricht bezeichnet werden.

Mehrsprachige Unterrichtsaktivitäten

Es gibt eine Vielzahl an Konzepten für den mehrsprachigen Sprach- und Sachfachunterricht, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Aufgrund der Fülle wird an dieser Stelle kein Überblick über die verschiedenen Konzepte insgesamt gegeben, sondern stattdessen über die mehrsprachigen Unterrichtsaktivitäten, die häufig Bestandteil dieser Konzepte sind:

1. Wenn Lernende Quellen in unterschiedlichen Sprachen recherchieren, stehen ihnen insgesamt mehr Quellen mit vielfältigeren Perspektiven zur Verfügung. Wählen Lehrkräfte Quellen in unterschiedlichen Sprachen für ein Unterrichtsthema aus, haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich Inhalte aus authentischen Quellenselbst zu erschließen. Je nach Erkenntnisinteresse müssen Lernende die Sprache der Quelle hierfür nicht oder nur rudimentär beherrschen.

2. Bei der Bearbeitung von Aufgaben ist es sinnvoll, wenn Lernende sich Notizen in allen Sprachen machen können, die sie beherrschen. Das verhindert das Abbrechen von Gedankengängen und sorgt für eine kognitive Entlastung.

3. Auch in gemeinsamen Arbeitsphasen ist es für den Fluss von Gedankengängen und die kognitive Entlastung förderlich, wenn sich Lernende in allen gemeinsamen Sprachen austauschen können.

4. Werden beim Verfassen von Texten mehrsprachige Ressourcen der Schülerinnen und Schüler genutzt, unterstützt das den Aufbau bildungssprachlicher Kompetenzen, entweder bei allen Schritten der Textproduktion oder bei der Vorbereitung der Textproduktion (z. B. beim Erstellen einer Gliederung oder beim Sammeln von relevanten Ausdrücken für die jeweilige Textsorte).

5. Auch bei der Präsentation von Ergebnissen kann es sinnvoll sein, unterschiedliche Sprachen einzubeziehen (z. B. Quellenzitate in Originalsprachen oder Mindmaps zur Ideensammlung).

6. Indem Lernende Strukturen und Gebrauchsweisen in verschiedenen Sprachen vergleichen, stärken sie ihre Kompetenzen in allen beteiligten Sprachen sowie ihr Sprachbewusstsein. Dies gilt sowohl für die allgemein bildungssprachlichen als auch die fachsprachlichen Kompetenzen.

7. Indem an die bereits vorhandenen Sprachlernerfahrungen der Schülerinnen und Schüler angeknüpft wird, erweitern sie ihr Repertoire an Lern- und Arbeitsstrategien.

8. Durch Reflexion der individuellen Sprachenbiografien können Aufgaben einen stärkeren Lebensweltbezug erhalten und das mehrsprachige Selbstverständnis der Lernenden fördern. Hierfür eignen sich z. B. persönliche Migrations- und Reiseerfahrungen der Schülerinnen und Schüler.

Weitere Informationen sowie Beispiele, wie diese mehrsprachigen Unterrichtsaktivitäten in den verschiedenen Fächern eingesetzt werden können, finden sich in der Handreichung für Lehrkräfte zu mehrsprachigen Unterrichtselementen (im Erscheinen).

Das Basiswissen Mehrsprachige Unterrichtselemente als Download.

Autorinnen und Autor

Dr. Stefanie Bredthauer, Magdalena Kaleta, Marco Triulzi

Diese Publikation darf, unter Einhaltung der gängigen Zitierregeln und mit Angabe der Quelle, gern weiterverwendet werden: Bredthauer, Stefanie; Kaleta, Magdalena & Triulzi, Marco (2021): Mehrsprachige Unterrichtselemente. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Basiswissen Sprachliche Bildung).

Literatur

Bredthauer, Stefanie (2019). Sprachvergleiche als multilinguale Scaffolding-Strategie. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 24 (1), 127–143.

Candelier, Michael; Camilleri Grima, Antoinette; Castellotti, Véronique; de Pietro, Jean-François; Lörincz, Ildikó; Meißner, Franz-Joseph; Schröder-Sura, Anna & Noguerol, Artur (2009). RePA - Referenzrahmen für Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen. Graz: Europäisches Fremdsprachenzentrum ECML. Verfügbar unter: https://archive.ecml.at/mtp2/publications/C4_RePA_090724_IDT.pdf (abgerufen am
04.01.2021).

Reich, Hans H. & Krumm, Hans-Jürgen (2013). Sprachbildung und Mehrsprachigkeit. Ein Curriculum zur Wahrnehmung und Bewältigung sprachlicher Vielfalt im Unterricht. Münster: Waxmann.>

Weiterführende Literatur/Informationen

Bainski, Christiane; Benholz, Claudia; Fürstenau, Sara; Gantefort, Christoph; Reich, Hans H. & Roth, Hans-Joachim (2017). Diskussionspapier Mehrsprachigkeit NRW. Ansätze und Anregungen zur Weiterentwicklung sprachlicher und kultureller Vielfalt in den Schulen. Düsseldorf: Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Verfügbar unter: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/msw-diskussionspapier-mehrsprachigkeit.pdf (abgerufen am 08.12.2020).

Bredthauer, Stefanie; Kaleta, Magdalena & Triulzi, Marco (im Erscheinen). Mehrsprachige Unterrichtselemente – eine Handreichung für Lehrkräfte. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.>