10.03.2016
Studie

MehrKita – Mehrsprachigkeit in Kölner Kindertagesstätten

Im Projekt MehrKita wurden die sprachlichen Ressourcen der Erzieherinnen und Erzieher in Kölner Kitas für eine mehrsprachige Bildungsarbeit im Elementarbereich erhoben. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Der Artikel ist in leicht veränderter Form zuerst im ZMI Magazin (Dezember 2015) erschienen.

Für den Bereich der sprachlichen Bildung besteht in vielen Kindertageseinrichtungen eine Reihe von Bildungsangeboten: alltagsintegrierte sprachliche Bildung, Vorleseeinheiten in Herkunftssprachen, das ‚Rucksack‘-Programm oder auch bilinguale Erziehung. Vor dem Hintergrund des neuen Kinderbildungsgesetzes (KiBiz 2008, 2011) und mit dem Ziel, bilinguale und mehrsprachige Angebote in Kölner Kindertagesstätten auszubauen sowie der bestehenden Mehrsprachigkeit der Kinder und ihrer Familien in Köln mehr Aufmerksamkeit zu schenken, hat die Stadt Köln mit Unterstützung des Zentrums für Mehrsprachigkeit und Integration (ZMI) über die Universität zu Köln eine Studie in Auftrag gegeben. Die Befragung zum Thema „Mehrsprachigkeit in Kölner Kindertagestätten“ wurde von Dezember 2014 bis Februar 2015 durchgeführt. Für die Befragung der Leitungen und der pädagogischen Fachkräfte aller Kölner Kindertagesstätten standen zwei Fragen im Mittelpunkt:

  • Über welche (mehr-)sprachigen Ressourcen verfügen die pädagogischen Fachkräfte?
  • Welche Bereitschaft haben die Befragten, ihre sprachlichen Ressourcen im Rahmen einer bilingualen oder mehrsprachigen Ausrichtung ihrer Arbeit einzusetzen und sich entsprechend fortzubilden?

Der Fragebogen für die Leitungen erfasst das Themenfeld aus der Perspektive der Institution: den aktuellen Umgang  mit Mehrsprachigkeit, welche Entwicklungspotentiale gesehen werden und welche Ressourcen dafür notwendig sind. Der Fragebogen für die Erzieherinnen und Erzieher fragt nach der individuellen Umsetzung von Mehrsprachigkeit im direkten Umgang mit den Kindern und ihren Eltern. Zudem wurde nach den eigenen Kompetenzen und der Bereitschaft gefragt, die individuellen sprachlichen Fähigkeiten in die pädagogische Arbeit einzubringen. Von rund 600 Kölner Kindertagesstätten und ihren ca. 9000 Beschäftigten haben sich 425 beteiligt. Das Durchschnittsalter lag bei knapp 40 Jahren, 403 waren Frauen, 16 Männer und sechs Personen ha-en bei dieser Frage keine Angabe gemacht. Knapp 30 Prozent der Befragten hatten einen Migrationshintergrund, davon sind ca. 15 Prozent selbst im Ausland geboren.  

An der Befragung der Leitungen haben 232 Personen teilgenommen. Der Anteil mehrsprachiger Kinder in den Einrichtungen wurde im durchschnittlichen Mittel mit 48 Prozent angegeben, wobei die Unterschiede zwischen den Einrichtungen recht hoch sind.

Zentrale Ergebnisse der Befragung

Sprachliche Bildungsplanung und Didaktik

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass sprachliche Bildungsarbeit in den Kölner Kindertageseinrichtungen eine Normalität darstellt und als Selbstverständlichkeit der pädagogischen Arbeit verstanden wird. Rund 90 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen verfügen über ein Konzept zur Umsetzung sprachlicher Bildung und Förderung im Kita-Alltag – nur ca. acht Prozent arbeiten ohne ein eigenes Konzept. Darüber hinaus wurde angegeben, dass zwei Drittel der Einrichtungen ihr Konzept seit dem neuen KiBiz 2008 und 2011 geändert haben. Zusätzlich berücksichtigt bereits ein Drittel der Kölner Kitas andere Sprachen in Konzept und Bildungsarbeit: Verwendung finden Türkisch, Englisch, Italienisch, Russisch, Arabisch, Polnisch, Französisch, Griechisch und/oder Spanisch.

Für die mehrsprachige Sprachbildungsarbeit werden von den Erzieherinnen und Erziehern vorrangig das eigene Fachwissen und die Unterstützung durch die Leitungen als zentrale Ressourcen eingeschätzt. Die jeweiligen Konzepte der Einrichtungen sind demgegenüber weniger stark als Orientierung für Planung und Durchführung der mehrsprachigen Bildungsarbeit von Bedeutung. Dem entspricht, dass Erzieherinnen und Erzieher ihre eigene Mehrsprachigkeit bisher auch eher situativ und weniger systematisch geplant einbringen.

Trotz vorhandener, selbst entwickelter Sprachbildungskonzepte besteht zudem eine gewisse Zurückhaltung, diese offensiv als Teil der eigenen Bildungsarbeit zu präsentieren. Gerade für den Bereich Konzeptentwicklung werden Fortbildungsbedarfe gesehen. In den meisten Fällen ist das jeweilige Sprachförderkonzept für die Öffentlichkeit nicht zugänglich oder wird Interessierten nur auf Nachfrage zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle benötigen die Einrichtungen ein Angebot, die konzeptionelle Weiterentwicklung zu begleiten und ggf. Unter-stützung, die jeweilige Profilierung nach außen zu präsentieren.

In der Umsetzung mehrsprachiger Bildungsarbeit werden folgende Herausforderungen benannt: der höhere Organisationsaufwand und Verständigungsprobleme zwischen Kolleginnen und Kollegen, die nicht über die jeweiligen Fremd- oder Herkunftssprachen verfügen. Fortbildungsbedarfe werden seitens der Befragten insbesondere in den Bereichen Methodik bilingualer Bildungsarbeit und Sprachdiagnostik thematisiert. Basierend auf der Bedürfnislage der Befragten sowie aufgrund der Einschätzung der Leitungen ist festzuhalten, dass ein Angebot als Mischung aus sprachdiagnostischen und sprachdidaktischen Fortbildungen mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung im Umgang mit migrationsbedingter Heterogenität (interkulturelle Sensibilisierung) gewünscht ist.

Bereitschaft zur mehrsprachigen Bildungsarbeit

Den Ergebnissen beider Fragebögen lässt sich entnehmen, dass die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit gegeben ist. Denn die Offenheit gegenüber sprachlicher Vielfalt ist hoch, auch als Bildungsziel. Die Vorteile des Erwerbs (lebensweltlich verfügbarer) Sprachen werden für die Sprachentwicklung, die Interaktion, die Kognition, das Fremdsprachenlernen, für die Bildungschancen sowie für interkulturelle Kompetenz erkannt und auch der Herkunftssprache wird grundsätzlich eine große Bedeutung für das einzelne Kind beigemessen: für dessen individuelle Entwicklung, sein soziales Leben und den Bildungserfolg – auch wenn die Bedeutung der deutschen Sprache sowohl von den ein- als auch den mehrsprachigen Erzieherinnen und Erziehern durchweg höher eingeschätzt wird.

Allerdings besteht eine gewisse Skepsis gegenüber der konkreten Implementierung institutioneller Mehrsprachigkeit. Es ist anzunehmen, dass sich diese Skepsis aus der Verknüpfung mehrerer Faktoren ergibt: der Einschätzung der eigenen Kompetenzen, der Ressourcen für die organisatorische Umsetzung wie auch aus der Unsicherheit über konzeptionelle und methodische Bedingungen. Grundsätzlich ist die Bereitschaft, neben dem Deutschen weitere Sprachen in die pädagogische Arbeit zu integrieren, jedoch hoch.

Ressourcen und Kompetenzen

Insgesamt versteht sich die Mehrzahl der Erzieherinnen und Erzieher als mehrsprachig (85  Prozent). Diese große Zahl ergibt sich aus der Einbeziehung der Schulfremdsprachen. Es lässt sich daran erkennen, dass die Befragten ihrer Arbeit einen weiten Begriff von Mehrsprachigkeit zu Grunde legen, der unterschiedlich weit ausgebaute Kenntnisse in verschiedenen Sprachen zulässt und nicht auf eine balancierte Zweisprachigkeit beschränkt ist. Neben dem Deutschen sind die häufigsten Sprachen der beteiligten Erzieherinnen und Erzieher Englisch, Französisch, Türkisch, Russisch, Italienisch und Spanisch. Ca. 25 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher sind selbst zwei- oder mehrsprachig aufgewachsen. Im Vergleich zu der überwiegenden Anzahl derer, die eine Fremdsprache in der Schule oder als Erwachsene erlernt haben, schätzen diese ihre sprachlichen Kompetenzen als geeignet ein, um in die sprachliche Bildungsarbeit einbezogen zu werden.

Ausblick

Nach der statistischen Auswertung der Fragebögen ist im Weiteren geplant, Kitas mit besonders guten Voraussetzungen – also gut verfügbaren sprachlichen Ressourcen sowie hoher Bereitschaft für eine Intensivierung mehrsprachiger Bildungsangebote – zu identifizieren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und darüber die bestehenden Konzepte und Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln, um auf diese Weise den Bereich der mehrsprachigen Bildungsarbeit in Köln Schritt für Schritt weiter auszubauen.

Autorinnen und Autoren:

Arbeitsbereich interkulturelle Bildungsforschung der Universität zu Köln