17.09.2018
Basiswissen

Literalität

Literalität ist grundlegend für unsere Gesellschaft, denn Wissen wird in Texten gespeichert und weitergegeben. Das Basiswissen erläutert den Begriff und zeigt, wie Kinder und Jugendliche lernen, Sprache zu verwenden.

Definition

Literalität hat zwei zentrale Bedeutungen: Zum einen ist Literalität grundlegend für unsere Gesellschaft. Wissen wird in Texten gespeichert und weitergegeben. Zum anderen bezeichnet Literalität die Fähigkeit jedes Einzelnen, zu lesen und zu schreiben. Mit dem Lesen und Schreiben sind zudem emotionale, soziale, kognitive und sprachliche Fähigkeiten verbunden, die für den Umgang mit Schrift und Text erforderlich sind. Literalität ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Gesellschaft.
Der Begriff wird häufig synonym zu Alphabetisierung verwendet. Alphabetisierung umfasst den Erwerb basaler Lese- und Schreibfertigkeiten. Diese sind in einer schriftbasierten Gesellschaft Grundvoraussetzung für eine umfassende Literalisierung. Damit ist die Fähigkeit gemeint, selbstständig im Medium der Schrift zu handeln, also selber Texte zu lesen und zu schreiben. Erst der selbstständige Gebrauch von Texten bietet dem Individuum in einer literalen Gesellschaft die Möglichkeit, Erfahrungen im Gebrauch der Schriftsprache zu sammeln, eine Vorstellung schriftsprachlichen Handelns zu entwickeln (z. B. Einladungen und Briefe verfassen, einen Fahrplan lesen, fachliche und literarische Texte genießen) und damit zu einem Teil der literalen Gesellschaft zu werden.
Der Begriff der Literalität bedeutet im Deutschen etwas anderes als der Ausdruck Literacy, der aus dem Englischen stammt. Literacy meint die basalen Lese- und Schreibfertigkeiten. Literalität ist im Deutschen weiter gefasst und schließt auch gesellschaftliche und kulturelle Komponenten ein. Außerdem wird der Begriff Literacy auch metaphorisch im Sinne von Fertigkeit gebraucht, etwa in Science Literacy.

Literalität als Voraussetzung für Teilhabe an der Gesellschaft

Alle gesellschaftlichen Institutionen (z. B. Behörden, Schulen) und Lebensbereiche (z. B. Recht, Religion, Wissenschaft) basieren auf Texten (Feilke, 2011). Daher kommt der Vermittlung der Schrift durch Schule und Unterricht eine zentrale Rolle zu, denn Lesen und Schreiben sind eine unverzichtbare Voraussetzung für alle Bildungsprozesse und die Teilhabe an der Gesellschaft.

Entwicklung der individuellen Literalität

Die Entwicklung der individuellen Literalität erfolgt in mehreren Schritten. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sie bereits vor der Schule beginnt (Ulich, 2003). Schon im frühen Kindergartenalter entwickeln Kinder durch den Kontakt mit Bilderbüchern (insbesondere durch das Vorlesen) erste Vorstellungen darüber, welche Funktionen Schrift erfüllen kann (Hurrelmann, Hammer & Nieß, 1995). So zeigt die Lesesozialisationsforschung, dass Lesegewohnheiten der Familienmitglieder und Vorlesen in der Familie Einfluss auf spätere Lese- und Schreibfähigkeiten haben: Je höher der Stellenwert des Lesens in der Familie ist, desto besser entwickeln sich die Lese- und Schreibleistungen der Kinder (Hurrelmann & Groeben, 2004).
Der Erwerb der Schriftsprache in der Schule, zunächst als Erwerb der basalen Fertigkeiten des flüssigen Lesens und Schreibens von Schrift, setzt idealerweise auf diesen vorschulischen Erfahrungen auf. Die Kinder können sich nun selbst in der Rolle der Lesenden und Schreibenden erleben. Sie beginnen, mit Schrift zu kommunizieren und erschließen sich literale Praktiken der Gesellschaft, in der sie leben, beispielsweise Einladungen zum Kindergeburtstag, Briefe oder Wunschlisten schreiben. Die Kinder sollen am Ende der Grundschulzeit unterschiedliche Textformen flüssig, sinnverstehend und nutzbringend lesen können. Außerdem sollen sie eigene Texte flüssig, orthografisch weitgehend korrekt, verständlich und zweckmäßig verfassen können. In der Sekundarstufe werden diese literalen Grundfähigkeiten gefestigt und weiter ausgebaut. Literale Kompetenzen sind in den weiterführenden Schulen vor allem notwendig, damit Schülerinnen und Schüler auch dem Fachunterricht folgen können. 

Literalität ist abhängig von kulturellen Gebrauchsweisen

Die Entwicklung der Literalität hängt immer auch von kulturellen Gebrauchsweisen ab (Feilke 2011). Die schriftsprachlichen Kompetenzen entwickeln sich durch literale Praktiken und Erfahrungen mit Schrift beim Vorlesen, selber Lesen oder Verfassen eigener Texte stetig weiter. Damit wird der Grundstein zur Teilnahme an der Gesellschaft gelegt. Wenn sich gesellschaftliche Praktiken ändern, hat das auch einen Einfluss auf literale Kompetenzen. So umfasst die literale Kompetenz neben den klassisch analogen schriftsprachlichen Formaten (z.B. Briefe schreiben, Notizen machen) auch die souveräne Nutzung digitaler Medien (Textverarbeitungsprogramme, Datenbanken, Messenger-Apps, soziale Netzwerke, Suchmaschinen, etc.)
 

Autorinnen

Dr. Kathrin Hippmann, Dr. Simone Jambor-Fahlen

Diese Publikation darf, unter Einhaltung der gängigen Zitierregeln und mit Angabe der Quelle, gern weiterverwendet werden: Jambor-Fahlen, Simone/ Hippmann, Kathrin (2018): Literalität. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Basiswissen Sprachliche Bildung).

Literatur

Hurrelmann, Bettina & Groeben, Norbert. (2004). Fazit: Lesen als Schlüsselqualifikation? In Norbert Groeben & Bettina Hurrelmann (Hrsg.), Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Ein Forschungsüberblick (S. 440–465). Weinheim, München: Juventa Verlag.

 

Hurrelmann, Bettina.; Hammer, Michael & Nieß, Ferdinand (Hrsg.). (1995). Leseklima in der Familie: eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (2. Aufl.). Gütersloh: Verlag Bertelsmann-Stiftung.

 

Feilke, Helmut. (2011). Literalität und literale Kompetenz: Kultur, Handlung, Struktur. leseforum. Ch: Online-Plattform für Literalität, 1/2011.

Verfügbar unter: www.leseforum.ch/myUploadData/files/2011_1_Feilke.pdf

 

Ulich, Michaela. (2003). Literacy – sprachliche Bildung im Elementarbereich. Kindergarten heute, 33(3), 6–18.

Weiterführende Literatur / Informationen

Whitehead, M. (2004). Sprachliche Bildung und Schriftsprachkompetenz (literacy) in der frühen Kindheit. Frühpädagogik international (pp. 295-311). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.