14.05.2018
Bericht

Lernziele und curriculare Grundlagen für Vorbereitungsklassen

Der Unterricht in Vorbereitungs- und Willkommensklassen verfolgt eine ambitionierte Zielsetzung: Die Schülerinnen und Schüler sollen in kurzer Zeit Kompetenzen in der Zweitsprache Deutsch aufbauen, die es ihnen ermöglichen, am Unterricht in den Regelklassen teilnehmen zu können. Neben allgemeinsprachlichen Kompetenzen setzt eine erfolgreiche Teilnahme am Regelunterricht vor allem bildungs- und fachsprachliche Kompetenzen voraus.

Im Fachgespräch „Lernziele und curriculare Grundlagen für Vorbereitungsklassen“ wurden aktuelle Perspektiven aus Wissenschaft, Bildungsadministration und -Praxis zu dieser Ausgangslage zusammengeführt, um die Potenziale, Inhalte und Bedingungen eines (einheitlichen) Curriculums für Vorbereitungsklassen zu diskutieren. Neben Prof. Christoph Schroeder (Universität Potsdam) als Leiter des Fachgesprächs nahmen Dorotheé Steinbock (Universität Potsdam), Prof. Nicole Marx (Universität Bremen), Sabine Rutten (Leiterin DaZ-Zentrum Norderstedt), Andrea Hammann (Goethe-Institut München) und Skadi Jäschke (Albertus-Magnus-Gymnasium Bensberg, Bergisch Gladbach) als Referentinnen teil.

Die Diskussion wurde eröffnet durch einen Vortrag von Christoph Schroeder, der die strukturellen und inhaltlichen Anforderungen darlegte, die ein DaZ-Curriculum erfüllen sollte. In Deutschland zeigt sich bislang ein breites Spektrum an Möglichkeiten: von der strukturellen Anbindung der Curricula an den Lehrplan Deutsch über eigenständige Curricula, wie in Bayern und Baden-Württemberg, bis hin zu „Parallelwelten“ von Curricula und curricularen Handreichungen, die sich strukturell unabhängig von den jeweiligen Rahmencurricula zu präsentieren scheinen. Darüber hinaus unterscheidet sich die Terminologie gravierend von Bundesland zu Bundesland; so ist die Rede von „Lehrplan" und „Bildungsplan" über „curriculare Grundlagen" bis hin zu „Curriculum", wobei der Begriff „Curriculum" laut Definition der Kultusministerkonferenz voraussetzt, dass es auch ein Schulfach Deutsch als Zweitsprache gibt, was bislang aber nur in Bayern der Fall ist.

Mit Blick auf den Kompetenzerwerb und die Kompetenzbeschreibungen unterscheiden sich die Bundesländer ebenfalls stark; die Bandbreite reicht von lernfeldorientierten didaktischen Niveaubeschreibungen über Erwerbsetappenbezug bis hin zu aufwändigen Niveaustufenbeschreibungen in den verschiedenen Kompetenzbereichen, mit teils starkem Bezug zum Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER). Zudem lässt sich bundesweit festhalten, dass in der Regel keine erwerbsdynamische Sichtweise eingenommen wird, die somit Bezug nehmen würde auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Zweiterwerbsforschung.

Nicole Marx kommentierte diesen Impuls aus sprachdidaktischer Perspektive, indem sie als unterrichtspraktische Problemstellung den Fokus auf die geeigneten Inhalte und didaktischen Methoden in Vorbereitungsklassen richtete. Sie stellte die folgenden drei Thesen zur Diskussion:

  • In Vorbereitungsklassen sind für das Bestehen im Bildungssystem vor allem notwendige, zentrale schriftliche Textsorten zu beachten. Unter anderem deshalb ist eine Ausrichtung am GER nicht empfehlenswert. Darüber hinaus gilt es, die Potenziale außerunterrichtlicher Lernkontexte zu beachten.
  • Die notwendige didaktische Flexibilität, die die Heterogenität von Vorbereitungsklassen erfordert, kann durch spiralcurriculare Überlegungen und entsprechendes Scaffolding erreicht werden.
  • Darüber hinaus vertrat sie die These „Play the long game“. Umfangreiche sprachliche Unterstützung in der Zweitsprache sollte auf mehrere Jahre ausgelegt werden und umfangreiche Lerngelegenheiten in der bzw. den Erstsprache(n) ermöglicht werden.

Ein besonderer Schwerpunkt des Fachgesprächs lag auf der Frage nach den Lernzielen in Vorbereitungsklassen. Die Impulsvorträge hierzu berichteten einerseits über den Entwicklungsprozess bereits bestehender Curricula (das Mehrstufenmodell als Grundlage für die additive und integrative Sprachbildung im DaZ-Unterricht in Schleswig-Holstein und das Rahmencurriculum für Integrationskurse Deutsch als Zweitsprache). Andererseits problematisierte ein Blick in die Praxis, den Frau Jäschke gewährte, zwar die Notwendigkeit von Mindeststandards, die hilfreich wären mit Blick auf Prüfungen und Lehrwerke, jedoch aufgrund der Heterogenität der Vorbereitungsklassen keine Handreiche für den Unterricht darstellen würden.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde zusammen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachgesprächs erarbeitet, welche Desiderata konkret bestehen. Priorität nahmen die folgenden Aspekte ein: 1. Bislang liegen keine Evaluationen implementierter Curricula vor, die überdies Antworten liefern würden auf die Frage nach der generellen Umsetzbarkeit von Standards und Lernzielen in sehr heterogenen Klassen. 2. Fokussiert wurde ebenfalls die Frage nach der (mangelnden) Qualifizierung von Lehrkräften und der Notwendigkeit, Deutsch als Zweitsprache als Fach auch auf Hochschulebene zu etablieren. Hierfür ist ein langfristiges bildungspolitisches Interesse eine notwendige Voraussetzung.