02.08.2019
Bericht

Lernverlaufsdiagnostik und sprachliche Bildung

Diagnostik ist Grundlage und Kernelement von gutem Unterricht: sie ist die Basis für Didaktik, Förderung und Intervention. Gerade ein inklusiver Unterricht mit heterogenen Lerngruppen erfordert Wissen darüber, wo die einzelnen Schülerinnen und Schüler stehen.

Um den Lernstand von Schülerinnen und Schülern festzustellen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Neben der Statusdiagnostik, also der Messung des Lernstandes zu einem festen Zeitpunkt, beispielsweise zu Beginn oder am Ende eines Schuljahres, lassen sich im Rahmen einer Lernverlaufsdiagnostik Lernprozesse sichtbar machen. Diese Form der Diagnostik ist bisher weder in der sprachdidaktischen Forschung, noch in der Unterrichtspraxis weit verbreitet.
Ziel des Fachgesprächs war es, Einblicke in das Themenfeld der Lernverlaufsdiagnostik zu geben und mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Schulpraxis aus theoretischer und angewandter Perspektive unter folgenden Fragestellungen zu diskutieren:

  1. Was ist Lernverlaufsdiagnostik und wie unterscheidet sie sich von der Statusdiagnostik?
  2. Was sind Vorteile und Grenzen von Lernverlaufsdiagnostik gerade auch in sprachlich heterogenen Klassen?
  3. Wie lassen sich Instrumente zur Lernverlaufsdiagnostik erstellen?
  4. Wie kann Lernverlaufsdiagnostik im Schulalltag umgesetzt werden?

Diese Fragen wurden in den Vorträgen der Expertinnen und Experten und in den Diskussionen beantwortet.

Lernverlaufsdiagnostik ermöglicht es, Lernverläufe von einzelnen Personen oder Gruppen durch wiederholte kurze Messungen festzustellen. Die Besonderheit des Ansatzes besteht darin, dass der Lernstand über einen längeren Zeitraum hindurch immer wieder erfasst wird. Dies bietet den Vorteil, dass zum einen kontinuierlich Rückmeldungen über den Lernstand und die Lernentwicklung erfolgen und zum anderen pädagogische und didaktische Entscheidungen immer wieder gezielt an individuelle Lernstände angepasst werden können, um so langfristige Lernerfolge zu erzielen.

Statusdiagnostik und Lernverlaufsdiagnostik schließen sich dabei nicht aus. Sie ergänzen sich: Statusdiagnostik dient vor allem der umfassenden Ermittlung eines Förderbedarfs und zur Überprüfung von Förderzielen, Lernverlaufsdiagnostik dagegen wird begleitend während des Unterrichts oder einer Fördermaßnahme als Screeningverfahren eingesetzt. Lernverlaufsdiagnostik ist aber auch für die Forschung interessant, um beispielsweise typische Lernverlaufskurven abbilden zu können.

Deutlich wurde aber auch, dass die Arbeit mit lernverlaufsdiagnostischen Methoden eine umfassende Schulung und Begleitung von Lehrkräften erfordert. Den Lernverlauf nur zu messen hat noch keine Auswirkungen auf die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Messungen müssen von der Lehrkraft auf Basis zugrundeliegender theoretischer Annahmen interpretiert und in Handlungen überführt werden. Der Bericht einer Lehrkraft gab anschaulich Einblicke, wie eine erfolgreiche Umsetzung im Bereich der Lesediagnostik in Zusammenarbeit mit einer Universität funktionieren kann.

Als Herausforderung wurde von den Expertinnen und Experten die Entwicklung von Instrumenten zur Lernverlaufsdiagnostik gesehen. Zum einen sind die Anforderungen an die Testkonstruktion sehr hoch, da viele parallele Testaufgaben mit gleicher Schwierigkeit entwickelt werden müssen. Nur so lässt sich ein Anstieg der Messwerte auf den Kompetenzanstieg der Schülerin bzw. des Schülers zurückführen und nicht etwa auf eine leichtere Testaufgabe. Da Aufgaben zur Lernverlaufsdiagnostik eher kurz sind, damit häufig und in kurzen Abständen in einer Art Screening der Lernstand erhoben werden kann, stellte sich zum anderen die Frage, ob der Erwerb komplexer fachspezifischer Inhalte bspw. aus dem Geographieunterricht überhaupt im Rahmen solch einer Diagnostik erfasst werden kann. Bisher werden im Rahmen einer Lernverlaufsdiagnostik eher Verhaltensauffälligkeiten oder allgemeine Kompetenzen, wie das Beherrschen von Grundrechenarten oder Lesekompetenz gemessen. Diese Frage blieb an dieser Stelle offen.

Im Fachgespräch wurde deutlich, dass Lernverlaufsdiagnostik sowohl für die Forschung als auch für die Unterrichtspraxis ein sehr großes Potential bietet, das bisher noch viel zu wenig genutzt wird. Damit diese Form der Diagnostik in Schule und Forschung zukünftig eine stärkere Rolle spielt, bedarf es aber unbedingt der Entwicklung weiterer Instrumente, die nur gemeinsam von Psychologie, Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken erstellt werden können.

Dokumentation der Jahrestagung 2019