14.12.2013
Diskussion

"Kein Zentralabitur für Vierjährige"

Peter May leitet das Referat „Testentwicklung und Diagnostik“ am Hamburger „Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung“ und entwickelt seit vierzig Jahren Testverfahren. Darunter ist auch die bekannte Hamburger Schreibprobe. Der Psychologe und Empiriker plädiert dafür, bundesweit einheitliche Grundsätze zu schaffen, denen Sprachstandsverfahren verbindlich genügen müssen - und setzt auf die Pädagogen.

In Hamburg kommt kein Kind am Sprachstandsverfahren vorbei. Was muss es können?
Unser „Vorstellungsverfahren Viereinhalbjähriger“ wird seit 2003 durchgeführt und bezieht sich neben der Sprachstandsfeststellung auch auf weitere kognitive, motorische und emotionale Entwicklungsbereiche.  Vor drei Jahren wurde das Verfahren überarbeitet. Es besteht jetzt aus drei Schritten. Zuerst beurteilen die Kita-Erzieherinnen, ob ein Kind altersgemäß spricht, sodass man es versteht und ob es selbst die anderen Menschen versteht. Im nächsten Schritt besuchen die Kinder mit ihren Eltern die Grundschule in der Nähe und dort leitet ein Schulpädagoge ein freies Gespräch an. Danach kommt der eigentliche Test, den wir „Bildimpuls“ nennen. Dabei zeigt der Schulpädagoge dem Kind gegebenenfalls eine Bildergeschichte mit vier Bildern und es muss erzählen, was es dort sieht.

Hamburg hat das jetzige Verfahren vor drei Jahren eingeführt. Was sprach aus Sicht des Testentwicklers dafür?
Im Hamburger Schulgesetz steht, dass jedes Kind mit einem ausgeprägten Förderbedarf ein Jahr vor der regulären Grundschule verbindlich eine Sprachförderung erhält, die in der Regel in einer Vorschulklasse durchgeführt wird. Das heißt, wir müssen die Kinder im Alter von viereinhalb Jahren überprüfen, damit gegebenenfalls genug Zeit bleibt, um die frühzeitige Schulpflicht zu beantragen. Für einen Test mit hohen psychometrischen Ansprüchen sind diese Kinder noch zu jung. Deshalb setzen wir auf die Einschätzung der Kita-Erzieherinnen und Schulpädagogen. Den Bildimpuls führen wir nur durch, wenn es Hinweise auf einen besonderen Förderbedarf gibt.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Verfahren heute?
Es hat eine befriedigende prognostische Qualität. Die sprachlich förderbedürftigen Kinder werden in der Regel erkannt. Allerdings werden etwas zu viele „Förderkinder“ generiert, bei denen sich im Nachhinein herausstellt, dass sie gar nicht sprachförderbedürftig sind. Das hängt auch mit der Sensibilisierung der Pädagogen zusammen und kann korrigiert werden.

Andere Länder beziehen die Pädagogen weniger ein und testen nur auffällige Kinder. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es bei derart fundamentalen Unterschieden zu einer stärkeren Vereinheitlichung der Sprachstandsverfahren kommt?
Ein einziges Verfahren bundesweit zu etablieren, ist aufgrund des Kulturföderalismus tatsächlich schwierig und auch gar nicht wünschenswert – das sieht dann schnell aus wie ein Zentralabitur für Drei- und Vierjährige. Aber man sollte Grundsätze beschreiben, denen die unterschiedlichen Verfahren in den Bundesländern unbedingt genügen müssen. Und es sollte auch sog. Killer-Kriterien geben.

Welche Grundsätze sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Man muss, glaube ich, in zwei Richtungen gehen. Das eine ist die Beschreibung der Anforderungen. Also: Was muss ein Kind sprachlich beherrschen, wenn es in die Schule eintritt mit sechs Jahren. Was heißt das für ein drei- oder vierjähriges Kind? Da muss es Kriterien geben, die ähnlich wie Warnschilder wirken, damit Kitas und Eltern wissen, worauf sie achten sollen, wenn ein Kind sich sprachlich offensichtlich nicht angemessen entwickelt. Auf der anderen Seite ist es für mich eine Conditio sine qua non, dass die Pädagogen eine Einschätzung vornehmen müssen. Denn je jünger die Kinder sind, desto weniger prognostische Validität kann ein punktueller Test haben, sei er auch noch so gut.

Was ist ein Killer-Kriterium für Sie?
Ein Mindeststandard wäre: Das Verfahren darf nicht länger als eine Viertelstunde dauern und muss für jede Kita-Pädagogin handhabbar sein. Also dass nicht 50 Items zum Sprachstand zu beurteilen sind, sondern höchstens 8 oder 10. Wichtig finde ich auch, dass nicht nur die Defizite betrachtet werden. Auf unserer fünfstufigen Skala gibt es deshalb auch die Kategorien „weiter entwickelt“ und „sehr weit entwickelt“.

Das ist allerdings nur sinnvoll, wenn alle Kinder ein Sprachstandsverfahren durchlaufen.
Dafür plädiere ich sehr. Es geht natürlich in erster Linie darum, die Kinder zu finden, die einen besonderen Förderbedarf haben. Aber es gibt auch viele Kinder, deren Fähigkeiten schlummern und niemand sagt den Eltern: `Mensch, ihr müsst mal was für euer Kind tun´. Da sind Schätze, die gehoben werden sollten.

Ein Problem  fast aller Verfahren besteht darin, dass empirisch nicht gesichert ist, ob wirklich die richtigen Kinder herausgefiltert werden. Wie ließe sich da eine größere Sicherheit erreichen?
Das Mittel der Wahl sind Längsschnitterfassungen wie z.B. der Bildungspanel, der jetzt läuft. Wobei man davon ausgehen muss, dass über einen längeren Zeitraum viele Kinder verloren gehen und die Dynamik der Entwicklungen die prognostische Validität einschränkt. Die Fördermaßnahmen verändern das Ergebnis ja erfreulicherweise. Deshalb kann man keine Wunder bezüglich der Prognose erwarten.

Was könnte die Wissenschaft noch dazu beitragen, um die Sprachstandsverfahren zu verbessern?
Die Wissenschaft sollte festlegen, worin die Anforderungen bestehen und nach welchen Kriterien die Kinder beurteilt werden. Und sie sollte eine alltagstaugliche Einschätzungsskala entwickeln, die auch von linguistischen Laien ausgefüllt werden kann.

Wie könnte dieser Prozess praktisch aussehen?
Wir haben im Schulbereich vor zehn Jahren eine Institution namens EmSE geschaffen. Das steht für „Empiriegestützte Schulentwicklung“. In der EmSE treffen sich Vertreter der Landesinstitute und Universitäten aller Bundesländer zweimal jährlich. So etwas wünschte ich mir auch im Elementarbereich: Ein ähnliches Treffen wie das, was das Mercator-Institut jetzt veranstaltet hat, nur etwas kleiner mit mehr Experten. Da könnte das Mercator-Institut einen Anfang machen.

Interview: Beate Krol