11.03.2013
Diskussion

„Es gehört zum Auftrag der Schule, sich an die Kinder anzupassen“

Oliver Paasch ist Minister für Unterricht, Ausbildung und Beschäftigung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Derzeit plant das kleinste der drei Bundesländer Belgiens eine Reform der Lehrerausbildung. Im Interview analysiert er die aktuellen Entwicklungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Vor welchen Herausforderungen steht die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens beim Thema Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache?
Mehrsprachigkeit ist für die Belgier ein ganz natürlicher Schwerpunkt, vor allem in der Unterrichtspolitik. Wir gehören zu den Regionen in Europa, die die meisten Fremdsprachenstunden organisieren, die meisten Sachfächer in einer Fremdsprache anbieten und die am frühesten beginnen, schon im ersten Kindergartenjahr. Da kennen wir uns ganz gut aus. Allerdings begegnen wir in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens einem neuen Phänomen, das man in Deutschland schon sehr lange kennt: Kinder mit Migrationshintergrund leben zunehmend auch in unserem Bundesland. Das führt dazu, dass die Lehrpersonen darauf besser vorbereitet werden müssen. Viele sagen, sie seien mit dieser Situation überfordert: Da kommt jemand in die vierte oder fünfte Klasse, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen. Oder sie stellen fest, dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund mehr als die Hälfte aller Schüler im Klassenverband ausmacht.

Welche Maßnahmen haben Sie bereits ergriffen?
Wir haben ein Zentrum für Förderpädagogik gegründet, das ein Konzept entwickelt hat. Wir stellen den Schulen, in denen der Ausländeranteil sehr hoch ist, zusätzliche Lehrpersonen zur Verfügung, organisieren Klassen für so genannte „neuankommende Schüler“. Wir haben eine große Aus- und Weiterbildungsoffensive begonnen, in Zusammenarbeit mit der Heilpädagogischen Hochschule Zürich. Der Begriff Deutsch als Zweitsprache taucht in der Lehrerbildung jedoch noch so gut wie nicht auf. Wir denken aber, dass wir sehr viel lernen können von Partnern im In- und vor allem Ausland. Das ist einer der Gründe, warum wir heute zum Mercator-Institut gekommen sind. Wir haben Impulse mitgenommen, wie ein Modul für Deutsch als Zweitsprache in der Lehrerausbildung aussehen kann, und der geplante Austausch zwischen Lehrkräften, Lehramtsstudierenden und Dozenten wird ganz sicher ein Mehrwert sein.

Was ist ihre Vision für eine gute Ausbildung der Lehrkräfte und eine gute Sprachförderung für alle Kinder?
Wir gehen davon aus, dass jeder Schüler, jede Schülerin ein Förderschüler ist. Das bedeutet für mich, dass alle Kinder dieselbe Perspektive und Chance auf Bildung haben müssen. Das bedeutet auch, dass unsere Klassenverbände heterogen sind, dass wir akzeptieren müssen, dass ‚anders sein’ normal ist. Alle Kinder haben ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen. Wir gehen davon aus, dass sich die Kinder nicht nur an die Gegebenheiten einer Schule anpassen müssen, sondern dass es zum Auftrag der Schule gehören muss, sich an die Kinder anzupassen. Insofern bedarf es für jede Schülerin und jeden Schüler einer individuellen Förderung – deshalb ist jeder Schüler auch ein Förderschüler. Jeder Lehrer soll in der Lage sein, Lernstärken und Lernschwächen möglichst früh zu diagnostizieren und mit individuellen Förderplänen darauf reagieren zu können. Die Themen Migration und Integration passen da genau hinein – jedes Kind hat ein Anrecht darauf, seinen Perspektiven und Wünschen entsprechend gefördert zu werden. Unser System muss sich ganz einfach diesen Bedürfnissen anpassen.