08.06.2022
Diskussion

„Die Schule ist kein Labor“

Lesen und Schreiben sind wichtige Kompetenzen, die über Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe entscheiden. Diese zu fördern haben sich die Projekte „Die Schreibstarken“ und „Die Textprofis“ zum Ziel gesetzt. Im Interview erklären die Projektleiterinnen Dr. Simone Jambor-Fahlen und Dr. Sabine Stephany vom Mercator-Institut, wie sich diese Fertigkeiten konkret fördern lassen und wie der Transfer der Konzepte in die Praxis gelingt.

Im Projekt Die Schreibstarken steht die Schreibflüssigkeit von Kindern in der dritten und vierten Klasse in Berlin und Hamburg im Mittelpunkt. Was versteht man unter Schreibflüssigkeit und warum ist sie so wichtig?

Sabine Stephany:
Die Schreibflüssigkeit wird im deutschsprachigen Raum oft als rein motorische Flüssigkeit gefasst. Wir definieren den Begriff breiter – so wie es auch in der internationalen Forschung gehandhabt wird. Demnach besteht Schreibflüssigkeit aus zwei Aspekten: Zum einen aus dem flüssigen Formulieren, das heißt, dass einem beim Schreiben möglichst zügig die entsprechenden Begriffe einfallen, zum Beispiel ein passendes Adjektiv. Der zweite Aspekt ist das schnelle, mühelose und orthographisch korrekte Verschriften von Ideen auf Papier oder auf dem Bildschirm. Im Vergleich zu geübten Schreiberinnen und Schreibern pausieren unflüssige Schreiberinnen und Schreiber während des Schreibprozesses häufig, weil diese basalen Fertigkeiten noch nicht automatisiert sind. Sie benötigen dafür viele kognitive Ressourcen, die ihnen dann zum Beispiel für das Planen eines Textes fehlen. Dies wirkt sich letztlich auch stark auf die Textqualität aus.

Wie lässt sich die Schreibflüssigkeit denn konkret wirksam fördern?

Sabine Stephany:
Das ist bisher nicht vollständig geklärt. Im Projekt Die Schreibstarken setzen wir beim flüssigen Formulieren und flüssigen Verschriften an. Es gibt zum Beispiel Übungen, bei denen die Schülerinnen und Schüler Texte oder Buchstaben des Alphabets möglichst zügig abschreiben müssen, um das schnelle Verschriften zu üben und zu automatisieren. Und es gibt etwa Aufgaben zur Förderung des Formulierens oder des Verschriftens, bei denen die Schülerinnen und Schüler Verbverbindungen ergänzen müssen, wie beispielsweise Fußball spielen oder Bücher lesen. Bei vielen Aufgaben gibt es Zeitbegrenzungen, sodass die Kinder trainieren, schnell Wörter aus dem Gedächtnis abzurufen. Wichtig ist, dass solche Aufgaben regelmäßig eingesetzt und wiederholt werden.

Das Thema Schreibflüssigkeit ist auch Bestandteil des Projekts Die Textprofis, das die Lese- und Schreibkompetenzen von Kindern aus der fünften und sechsten Klasse in Baden-Württemberg in den Blick nimmt. Woran arbeitet ihr in dem Projekt sonst noch und was ist das Besondere an dem Konzept?

Simone Jambor-Fahlen:
Bei den Textprofis gibt es ein umfassendes Förderprogramm, das sich nicht nur auf die Schreibflüssigkeit konzentriert, sondern aus vier Förderbausteinen besteht. Wir fangen mit der Leseflüssigkeit an und gehen darauf aufbauend über in die Förderung der Lesestrategien. Danach widmen wir uns der Schreibflüssigkeit und wenn die ausreichend trainiert ist, stehen die Schreibstrategien im Fokus. Bei den Textprofis erhalten die Schülerinnen und Schüler durch die Förderung der vier Teilkompetenzen somit eine umfassende Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Lese- und Schreibfähigkeiten.

Die Textprofis wird bei Kindern in der fünften und sechsten Klasse implementiert. Warum ist eine Förderung solcher basalen Kompetenzen über die Grundschule hinaus notwendig?

Simone Jambor-Fahlen:
Studien zeigen immer wieder, dass Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen diese hierarchieniedrigen Kompetenzen noch nicht ausreichend erworben haben. Das Projekt Textprofis ist in Baden-Württemberg an Haupt- und Werkrealschulen angesiedelt und nimmt daher schwache Leserinnen und Leser sowie schwache Schreibende in den Blick. In der fünften Klasse sind sie mit hohen Anforderungen konfrontiert, die die weiterführende Schule mit sich bringt: Sie müssen zum Beispiel in Fächern wie Biologie oder Geschichte Texte lesen, ohne dass sie über ausreichende basale Lesefähigkeiten verfügen. Das hat zur Folge, dass sie die Texte gar nicht verstehen können und somit keine gute Leistung bringen können. Häufig ist es so, dass Lehrkräfte direkt mit den Lesestrategien arbeiten – ohne einen Schritt zurückzugehen und zu schauen, ob die Schülerinnen und Schüler überhaupt ausreichend flüssig lesen können.

In den Projekten untersucht ihr auch, wie wirksam die von euch entwickelten Konzepte sind. Welche Ergebnisse liegen dazu vor?

Sabine Stephany:
Im Projekt Die Schreibstarken werden momentan die ersten Ergebnisse ausgewertet. Die Teilergebnisse sind erfreulich. Wir konnten feststellen, dass insbesondere die schwächeren Schreiberinnen und Schreiber der dritten und vierten Klassen von den Konzepten profitieren und sie sich in beiden Aspekten der Schreibflüssigkeit verbessern. In einem nächsten Schritt der Auswertung schauen wir uns an, ob die verbesserte Flüssigkeit auch zu einer besseren Textqualität führt.

Müsst ihr das Konzept denn anpassen?

Sabine Stephany:
Tatsächlich werden wir das Material an einzelnen Stellen verändern. Wir haben Interviews mit den Lehrkräften geführt, die das Training umgesetzt haben, und sichten die Schülerinnen- und Schülerbearbeitung, um zu sehen, wie sie mit einzelnen Aufgaben umgegangen sind. Basierend darauf erfolgen dann Anpassungen.

Simone Jambor-Fahlen:
Zu den Textprofis gibt es noch keine konkreten Ergebnisse, weil das Training erst im September 2021 begonnen hat.

Worauf muss man grundsätzlich bei der Konzeption von Fördermaßnahmen achten, damit sie tatsächlich wirksam sind?

Simone Jambor-Fahlen:
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Auf der Ebene der Schülerinnen und Schüler ist die Förderung am effektivsten, wenn sie dem Lernstand des Kindes angemessen und passgenau ist. Außerdem kommt es auf die Lehrkräfte an: Zum einen geht es um die Frage, ob sie das Förderkonzept praktisch gut umsetzen und zum anderen, wie man Lehrkräfte bei dieser Herausforderung begleitet. Bei den Textprofis erhalten die Schulen zum Beispiel Unterstützung durch sogenannte Fachberatungen, die sie nicht nur inhaltlich, sondern auch bei der Unterrichts- und Schulentwicklung begleiten.

In den beiden Projekten analysiert ihr, wie die Förderkonzepte in die Praxis transferiert werden und wie es gelingt, sie gut zu implementieren. Welche Herausforderungen gibt es dabei?

Sabine Stephany:
Bei den Schreibstarken geht es noch nicht um den Transfer in die Praxis. Wir schauen zuerst, wie das Material für eine breite Implementation angepasst werden kann. Die größte Herausforderung  dabei ist, dass die Lehrkräfte das Training selber durchführen und wir nicht sehen, wie sie mit dem Material arbeiten oder an welchen Stellen Schwierigkeiten auftreten. Deswegen haben wir Unterrichtsbeobachtungen durchgeführt und die Lehrkräfte nach dem Einsatz des Materials interviewt, um zu schauen, wie die Akzeptanz bei den Lehrkräften ist und wie sie das Ganze umsetzen konnten.

Simone Jambor-Fahlen:
Eine Herausforderung ist, dass wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beachten, dass die Schule kein Labor ist. Anfangs dachten wir, dass wir mit dem Förderkonzept an die Schule gehen, die Lehrkraft briefen, sie es im Unterricht wie gedacht umsetzt und die Schülerinnen und Schüler ganz viel lernen. In einigen Projekten haben wir gemerkt, dass diese Vorstellung von der Realität weit entfernt ist. Schule oder Unterricht sind durch viele Einflussfaktoren sehr praktischer Natur gekennzeichnet, zum Beispiel, dass Kinder nicht an der Fördergruppe teilnehmen können, weil der Bus zu spät fährt. Von den Lehrerinnen und Lehrern erhalten wir etwa die Rückmeldung, dass sie komplexe Trainingsprogramme nicht unbedingt als Hilfe, sondern als zusätzliche Belastung empfinden und sich zurecht fragen, wie sie die anderen Unterrichtsinhalte unterkriegen, die im Curriculum vorgesehen sind.

Wie geht ihr damit um?

Simone Jambor-Fahlen:
Wie bieten bei den Textprofis eine Begleitung und Austauschformate durch das ZSL – das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung in Baden-Württemberg – an. Dadurch haben die Lehrkräfte die Möglichkeit, sich jederzeit Unterstützung zu holen und mit anderen Lehrkräften zu den Herausforderungen der Umsetzung auszutauschen.

Sabine Stephany:
Wir haben die Lehrkräfte im Umgang mit dem Material geschult und standen während der Durchführung bei Fragen und Problemen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Ganz wichtig ist uns aber vor allem der Austausch mit den Lehrkräften zum Material und zum Umgang damit. Diese Rückmeldungen fließen in die Überarbeitung des Materials ein, um so eine hohe Praktikabilität und auch Akzeptanz zu erreichen.

Welche Gelingensbedingungen für den Transfer haben sich herauskristallisiert?

Simone Jambor-Fahlen:
Die Grundvoraussetzung für das Gelingen ist, dass die Lehrkraft das Konzept akzeptiert und überzeugt ist, dass sich der Aufwand und die Vorbereitungszeit lohnen. Außerdem darf das Material nicht zu teuer sein. Bei den Flüssigkeitstrainings ist das Schöne, dass die Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler bei den Automatisierungs- und Übungsaufgaben schnell Leistungserfolge sehen und das hochmotivierend ist. Wenn diese Faktoren zusammenkommen, haben wir gute Voraussetzungen für eine gelingende Implementation.

Sabine Stephany:
Für den Erfolg von Förderkonzepten ist es wichtig, die ganze Schule im Boot zu haben. Studien zeigen, dass es nicht nachhaltig ist, wenn sich nur eine einzelne Lehrkraft an der Umsetzung beteiligt. Entscheidend ist, dass das gesamte Kollegium involviert ist. Das führt letztlich auch zu einer gesteigerten Motivation, wenn sich eine ganze Schule auf den Weg macht und diese Konzepte unterstützt und fördern will.

Die Projekte enden im Laufe dieses Jahres. Wie geht es weiter? Werden sie in Baden-Württemberg und in Berlin/Hamburg auf zusätzliche Schulen ausgeweitet? Oder adaptiert ihr sie für weitere Länder und Projekte?

Simone Jambor-Fahlen:
Für Baden-Württemberg ist geplant, das Projekt auf andere Schulen im Land auszuweiten, aber dazu gibt es noch keine konkreten Informationen seitens des Landes.

Sabine Stephany:
Die Materialien der Schreibstarken werden im Forschungsnetzwerk in der Bund-Länder Initiative BiSS-Transfer in einer leicht überarbeiteten Version in Schulen eingesetzt und noch einmal erprobt. Das grundsätzliche Ziel ist es, Schulen das Material bundesweit zur Verfügung zu stellen, sodass Lehrkräfte damit flächendeckend weiterarbeiten können. Wie genau das aussehen wird, ist noch unklar. Zudem hoffen wir, dass sich weitere Forschungsprojekte ergeben, in denen wir noch gezielter erforschen können, wie sich das Konzept weiter optimieren lässt.

Dr. Simone Jambor-Fahlen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Sprache und Bildungssystem am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Dort leitet sie das Projekt Die Textprofis operativ.

Dr. Sabine Stephany leitet das Projekt Die Schreibstarken. Am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Sprache und Bildungssystem tätig.

Interview: Helin Sarikas