20.09.2017
Bericht

Die Gewinnung von Probandinnen und Probanden - Herausforderungen und forschungsethische Überlegungen

Probanden – im lateinischen Wortsinn „zu Prüfende“ – sind Teilnehmerinnen und Teilneh­mer an empirischen Untersuchungen, die sich auf Individuen beziehen. Früher nannte man sie „Versuchspersonen“; im Englischen wurde die Bezeichnung „subject“ durch „participant“ ersetzt. Probanden sind in der Regel Teil einer Untersuchungsstichprobe, also einer Menge von Individuen, an denen man Erkenntnisse gewinnen möchte, die sich dann gegebenenfalls auf eine Grundgesamtheit (Population) ähnlicher Individuen verallgemeinern lassen. Wir diskutieren im Folgenden Schritte und Erfahrungen, die sich bei der Anwerbung der jeweiligen Probandengruppen als wichtig und beachtenswert erwiesen haben.

In der quantitativen Forschung gibt es methodische Maßgaben dafür, wie sich eine geeignete Stichprobe zusammensetzen sollte. Ein wichtiges Kriterium hierfür ist die Repräsentativität: Die Stichprobe soll in ihrer individuellen Zusammensetzung der intendierten Population möglichst gleichen, nur eben in einem verkleinerten Maßstab.

In der fachdidaktischen oder pädagogisch-psychologischen Forschung besteht das vorrangige Problem demgegenüber darin, überhaupt geeignete Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die eigenen Untersuchungsziele zu gewinnen. Typischerweise gibt es im Kontext von Bildungseinrichtungen drei Zielgruppen für die Probandenakquise, die auch in unserem vom Mercator-Institut geförderten Forschungsprojekt Besser schreiben lehren alle eine Rolle spielen: Studierende, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler. Für alle Zielgruppen müssen mehrere Aspekte bedacht werden:

  1. Welche Probanden sind für die Untersuchungsziele geeignet?
  2. Welche Anreize können für die Untersuchungsteilnahme angeboten werden?
  3. Welche datenrechtlichen Aspekte sind zu beachten?
  4. Welche forschungsethischen Aspekte sind zu berücksichtigen?

Wir diskutieren im Folgenden Schritte und Erfahrungen, die sich bei der Anwerbung der jeweiligen Probandengruppen als wichtig und beachtenswert erwiesen haben.

Lehrkräfte

In den meisten schulbezogenen Interventions- oder Implementierungsstudien sind die Lehrkräfte gar keine Probanden im engeren Sinne, insofern ihr Verhalten nicht den Gegenstand der Untersuchung bildet. Vielmehr wirken die Lehrkräfte sozusagen als verlängerter Arm der Forscherteams, weil beispielsweise die untersuchte Wirkung einer didaktischen Maßnahme nicht im natürlichen schulischen Kontext untersucht werden kann, wenn man sie in Form eines aus dem normalen Unterricht ausgegliederten Trainings durchführt, das von Sonderbeauftragten des Forschungsprojekts durchgeführt wird. Es gilt dann, Lehrkräfte zu finden, die Verständnis für die Untersuchungsziele aufbringen, die oft unterrichtsfremde Standardisierungen erfordern, ohne dabei ihre eigenen Regelverpflichtungen zu vernachlässigen, etwa die Vereinbarkeit mit curricularen Zielen. Lehrkräfte dürfen mit Forscherteams nur nach Information und Einverständnis der jeweiligen Schulleitung zusammenarbeiten; es ergibt nach aller Erfahrung aber wenig Sinn, die Suche nach teilnehmenden Lehrkräften bei der Schulleitung zu beginnen. Geeignete Ansprechpartner sind oft die jeweiligen Fachleiterinnen und Fachleiter, die einen guten Blick dafür haben, wer aus ihrem Kollegium bereit und geeignet sein könnte. Die typischen Anreize bestehen dann in dem Engagement, das die jeweilige Lehrkraft aufbringt: jüngere Personen oft durch die immer noch wahrgenommene Bindung an ihre Ausbildungsuniversität, erfahrenere Personen eher durch die professionelle Einsicht, dass die Schule nicht nur „im eigenen Saft kochen“ darf.

Schülerinnen und Schüler

Schülerinnen und Schüler sind häufig die eigentlichen Probanden schulbezogener Untersuchungen. Der Vorteil ist, dass sie sich bereits in der Schule befinden und nicht einzeln zusammengesucht werden müssen. Ein Nachteil besteht jedoch darin, dass man es nicht nur mit unabhängigen Individuen zu tun hat, sondern mit Gruppen im selben Klassenverband, der wiederum einer bestimmten Schule angehört. Wenn man jetzt beispielsweise in einer Klasse, in der eine bestimmte Intervention durchgeführt wurde, einen größeren Lernzuwachs beobachtet als in einer anderen Klasse mit Standardunterricht, weiß man nicht, ob es an der Lehrmethode, der Lehrkraft, der Leistungsstärke der untersuchten Klasse oder dem mehr oder weniger lernförderlichen Schulklima gelegen hat. Das Problem der Probandenfindung erstreckt sich also über die einzelnen Schülerinnen und Schüler hinaus häufig auch auf die Beteiligung mehrerer Klassen und Schulen an der Untersuchung. Moderne statistische Verfahren wie die Mehrebenenanalyse stellen Mittel bereit, um die verantwortlichen Anteile von Maßnahme, Lernenden, Klasse  und Schule zu trennen. Fragen der Repräsentativität oder Vergleichbarkeit betreffen auf Klassen- und Schulebene beispielsweise Stadt- vs. Landpopulationen oder den sprachlichen und sozialen Einzugsbereich der jeweiligen Schule (z. B. Migrationsanteil).

Untersuchungen mit Schülerinnen und Schülern müssen in der Regel schulamtlich genehmigt werden. Dazu gibt es Erlasse, aus denen hervorgeht, welche daten- und durchführungsrechtlichen Bedingungen erfüllt werden müssen. Vor allem können Minderjährige ihre Datenschutzrechte nicht selbst wahrnehmen. Deshalb braucht es das Einverständnis der Eltern, welches in der Regel aktiv in Form einer Unterschrift eingeholt werden muss. Sofern die Untersuchungsdurchführung im Rahmen des Unterrichts legitimiert ist, können Eltern die Teilnahme ihres Kindes nicht verwehren; aber es bedarf der expliziten Zustimmung, dass Daten des jeweiligen Kindes für die Forschungszwecke verwendet werden dürfen (Videoaufnahmen und die beteiligten persönlichen Bildrechte werfen noch einmal besondere Fragen auf). Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, den Eltern neben dem Brief, in dem um ihr Einverständnis gebeten wird, eine Informationsübersicht nach dem Muster der FAQ (Frequently Asked Questions) mitzugeben, in der Antworten auf denkbare Fragen vorweggenommen werden. Es bleibt aber immer das Problem, dass von uninteressierten oder lese- bzw. sprachschwachen Eltern keine Rückmeldungen zu bekommen sind, obwohl sie einer Teilnahme vielleicht gar nicht widersprechen würden. Es ist eine entscheidende Hilfe, wenn die Lehrkräfte der jeweiligen Klassen bereit sind, am „Eintreiben“ der Elternunterschriften aktiv mitzuwirken. Kinder, für die keine explizite Teilnahmeerlaubnis vorliegt, fehlen nicht nur für die Datenauswertung, sondern müssen in untersuchungsspezifischen Testsituationen an Messzeitpunkten (oft vor und nach einer Fördermaßnahme) gegebenenfalls anderweitig beschäftigt werden; sie können auch systematische Ergebnisverzerrungen bewirken, insofern Kinder aus bestimmten familiären Verhältnissen dann nicht in der Untersuchungsstichprobe enthalten sind.

Studierende

Untersuchungen an Studierenden werden meistens im Labor durchgeführt; die Probanden werden dadurch zur Teilnahme motiviert, dass ihnen Versuchspersonengelder oder andere materielle Belohnungen (z. B. Süßigkeiten oder Kinogutscheine) angeboten werden. In sozialwissenschaftlichen Fächern ist häufig die Teilnahme an einer bestimmten Anzahl von Untersuchungen als Teil der Methodenausbildung vorgeschrieben; das erleichtert die Akquise. Im Fall des Projekts Besser schreiben lehren wurden, was eher selten ist, ganze Seminargruppen aus Probanden gebildet. Hier besteht der Anreiz etwa aus bevorzugten Lehrbedingungen (kleine Gruppen, intensive Betreuung).In allen Fällen müssen aber von den Forschenden ethische Kriterien beachtet werden, die beispielsweise in den „Vorschlägen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft niedergelegt sind und deren Einhaltung die Ethikkommissionen der Hochschulen vorab überprüfen können. Dazu gehört grundsätzlich, dass Probanden bzw. ihre Erziehungsberechtigten über den Zweck einer Untersuchung aufgeklärt werden und dass die Teilnahme an wissenschaftlichen Untersuchungen grundsätzlich freiwillig erfolgt und im Prinzip jederzeit abgebrochen werden kann. Insofern zugleich aber auch die Pflicht zum Schulbesuch – und mithin eine eingeschränkte Freiwilligkeit – besteht, ist die Verantwortung von Forschenden im schulischen Feld in ethischer und rechtlicher Hinsicht besonders sorgfältig wahrzunehmen.

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form zuvor in der Publikation Blick zurück nach vorn erschienen.

Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Anne Berkemeier, geb. 1965, ist Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik des Deutschen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.
Arbeitsschwerpunkte: Schreib- und Grammatikdidaktik, Deutsch als Zweitsprache, Förderung mündlicher Kompetenzen, (Zweit-)Schrifterwerb.

Prof. Dr. Joachim Grabowski, geb. 1958, ist Professor für Pädagogische Psychologie und Privatdozent für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover.
Arbeitsschwerpunkte: Sprach- und Medienpsychologie, Schreibprozessforschung, Arbeitsgedächtnis.