14.12.2014
Diskussion

"Den Sprachstand erfassen ja – aber anders als bisher"

In Nordrhein-Westfalen soll die Sprachförderung gesetzlich und inhaltlich neu ausgerichtet werden: Weg vom punktuellen Test, hin zur kontinuierlichen alltagsintegrierten Beobachtung der Kinder in der Kita. Barbara Knappstein ist Referentin in der Abteilung „Kinder und Jugend“ des Ministeriums für Familien, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und für die Sprachförderung zuständig.

SPD und Grüne haben sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, den Sprachstand der Kita-Kinder auf eine andere Weise zu erheben, als es die vorherige Landregierung gemacht hat. Was wird sich ändern?
Zurzeit wird in NRW bei allen Kindern zwei Jahre vor der Einschulung der Sprachstand mit einem punktuellen Testverfahren erfasst. Dies geschieht vorrangig durch Lehrkräfte der umliegenden Schulen, die den Kindern fremd sind. Bekommt ein Kind Sprachförderbedarf bescheinigt, beantragt die Kita für das Kind 350 Euro und führt damit Sprachförderprogramme in der Kita durch – oftmals mit externen Kräften. Zukünftig soll die in den Alltag integrierte Sprachbildung im Mittelpunkt stehen. Das heißt, das Kind wird nicht nachmittags im Sprachförderzimmer zwischen 14 und 14.30 Uhr zusätzlich gefördert, sondern die Kita-Erzieherinnen werden von Anfang an Schlüsselsituationen, wie beispielsweise das Frühstück, das Wickeln und das Basteln, stärker zur Unterstützung der sprachlichen Entwicklung nutzen.  Außerdem sollen die pädagogischen Fachkräfte die sprachliche Entwicklung der Kinder von Beginn an beobachten und dokumentieren und so den Sprachstand regelmäßig erfassen.  Diese Neuausrichtung soll mit einer Qualifizierungsinitiative einhergehen, für die jährlich fünf Millionen Euro im Gesetzentwurf vorgesehen sind.

Was spricht gegen die bisherige Testung der Kinder?
Die Frage ist, wie pädagogisch sinnvoll das Verfahren ist. Und da wissen wir: Pädagogisch sinnvoll sind entwicklungs- und prozessbegleitende  Beobachtungsverfahren, die eine Beurteilung der sprachlichen Entwicklung in der Kita ermöglichen – also genau das Gegenteil von einem einmalig durchgeführten Testverfahren. Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass Delfin 4 die wissenschaftlichen Güte- und Qualitätskriterien, die man an ein solches Verfahren anlegen kann, erfüllt. Schwierig ist bei Delfin 4 zudem, dass der Test von den Kindern fremden Personen durchgeführt wird, und viele Kinder dann nicht richtig sprechen.  Außerdem werden die erreichten Punktwerte nicht differenziert, sondern stark zusammengefasst. Also: `Das phonologische Bewusstsein erhält 4 von 6 Punkten´, was eine zielgenaue Förderung schwierig macht. Aber auch mit der Koppelung der finanziellen Förderung an das Testergebnis sind wir nicht zufrieden.

Aber liegt das nicht nahe: Wenn ein Kita-Kind einen Sprachförderbedarf hat, fließt Geld?
Das Gießkannen-Prinzip scheint nur auf den ersten Blick gerecht, ist aber nicht zielführend. Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass vor allem die Einrichtungen Unterstützung benötigen, die viele Kinder aus armen Familien und Familien mit einer anderen Muttersprache betreuen. Diese Kitas benötigen dringend zusätzliche Fachkräfte und damit mehr als 350 Euro pro Kind pro Jahr. Da muss man Ungleiches auch ungleich behandeln. Daraus schlussfolgern wir, dass zukünftig bestimmte Kitas unterstützt werden und nicht das Geld pro Kind pro Jahr ausgeschüttet wird.

Nach welchen Kriterien wählen Sie das neue Sprachstandsverfahren aus?
Sprachstandsverfahren müssen wissenschaftlichen Qualitätskriterien genügen. Dies gilt auch für alltagsintegrierte Beobachtungsverfahren. Auch sie müssen Risikokinder und Auffälligkeiten in einzelnen Sprachbereichen mit den dazugehörigen Förderstrategien aufzeigen. Mit Sismik und Seldak verfügen wir über solche Beobachtungsverfahren. Darüber hinaus beabsichtigen wir, ein neu entwickeltes Verfahren zur Auswahl zu stellen, das derzeit evaluiert wird und auch für die Unter-Dreijährigen geeignet ist. Im Einzelfall können punktuelle Testverfahren weiterhin nähere Hinweise geben. Auch können zur Abklärung eines therapeutischen Förderbedarfs die Eltern gebeten werden, einen Arzt aufzusuchen.

Welche Rolle spielt die Mehrsprachigkeit von Kindern bei diesem Verfahren?
Die Berücksichtigung der Mehrsprachigkeit ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Allerdings können die Erzieherinnen das nicht grundsätzlich einschätzen. Da braucht es muttersprachliche Kenntnisse. Aber die Erfahrung zeigt: Wo mit Kindern viel gesprochen wird und sie eine reichhaltige Sprachstruktur erleben, ist es leichter eine zweite Sprache zu erwerben. Auch deshalb wollen wir, dass die Kinder nicht erst zwei Jahre vor der Einschulung mit Sondermaßnahmen eingebunden werden, sondern möglichst früh.

Wie erreichen Sie die Kinder, die keine Kita besuchen? Da greift ein Beobachtungsverfahren nicht.
Auch zukünftig soll im Schulgesetz geregelt bleiben, dass bei allen Kindern zwei Jahre vor der Einschulung eine Überprüfung der sprachlichen Entwicklung erfolgt. Bei Kita-Kindern gilt das oben Gesagte.  Die Nicht-Kita-Kinder werden weiterhin durch Lehrkräfte getestet. Das hat sich insoweit bewährt und soll daher auch so bleiben. Erfreulicherweise melden viele Eltern ihre Kinder in einer Kita an, wenn bei dem Test ein Sprachförderbedarf attestiert wird. Nur ganz wenige Kinder nehmen an einer Sprachförderung durch die Jugendhilfe außerhalb der Kita teil.

Nun plädieren viele Bildungsforscher und auch das Mercator-Institut  für einheitliche Standards in der Sprachstandsdiagnostik. Wie stehen Sie dazu?
Dies finde ich grundsätzlich richtig. Vielleicht kann man in einigen Jahren die Anzahl der als geeignet eingestuften Verfahren noch weiter eingrenzen. Die Thematik ist bildungspolitisch und wissenschaftlich hochaktuell. Wir werden diesen Prozess – auch über von uns in Auftrag gegebene Forschungsvorhaben – mit unterstützen.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Wissenschaft noch?
Eine interessante Frage ist, welche Verfahren und Fragestellungen tatsächlich eine prognostische Aussagekraft haben: Also, was muss man sinnvollerweise erfassen, wenn man den Sprachstand der Kinder beurteilen will? Darüber haben wir  ja auch auf der Mercator-Tagung diskutiert. Aber auch die Suche nach passgenauen Fortbildungsformaten ist sehr wichtig: Welche Qualifizierung braucht eine Erzieherin, um die alltagsintegrierte Sprachbildung und –beobachtung  professionell durchführen zu können? Wie stellen wir die Prozessqualität sicher?

Wann soll das neue Sprachstandsverfahren in Nordrhein-Westfalen starten?
Vorbehaltlich der Zustimmung des Gesetzgebers soll die gesetzliche Neuregelung  zum Beginn des nächsten Kindergartenjahres 2014/15 in Kraft treten.  

Interview: Beate Krol