16.07.2015
Bericht

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

Wie müssen Schule und Unterricht für Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse aussehen, um die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln und gleichzeitig Potenziale zu fördern? Das war Thema der Fachtagung „Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule“. Eingeladen hatten das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache sowie das Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.

„Die erste Zeit in der neuen Klasse war sehr hart. Alle haben nur Deutsch gesprochen, ich konnte nur ein bisschen Englisch. Nach der Schule habe ich oft geweint und wollte zurück nach Afghanistan“, sagte Farahnaz Hasami. Die heute 23-jährige Afghanin stand gemeinsam mit Johana Beatriz Ritter Lemus, 22 Jahre, aus El Salvador, auf der Bühne im Kölner Bürgerhaus Stollwerck. Dort erzählten die beiden den rund 190 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung, wie sie als Zuwanderer ohne Deutschkenntnisse die ersten Schultage in Deutschland erlebt haben. „Es war schwer. Ich habe nichts verstanden, aber ich musste verstehen – egal wie“, so Johana.

Die Zahl der Kinder, die – wie Farahnaz und Johana – ohne Deutschkenntnisse hierher kommen, steigt kontinuierlich und stellt Schulen vor zunehmende Herausforderungen. Wie müssen Schule und Unterricht gestaltet werden, damit man Kindern die notwendigen Kompetenzen vermitteln und ihre Potenziale fördern kann? Und wie bereitet man Lehrkräfte auf den Unterricht und den Umgang mit der Lebenswelt der Zuwanderer vor? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung, die am 17. Juni 2015 in Köln stattfand.

Chance auf besseres Leben geben

„Für die Menschen, die eine Zeit lang oder dauerhaft mit uns leben werden, sollten wir alles unternehmen, damit sie sich schnell willkommen fühlen, sie unsere Sprache lernen und hier dazugehören können“, sagte die Vizepräsidentin der Kultusministerkonferenz und NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann in ihrem Impulsvortrag. Dabei seien die Bildungsinstitutionen klar in der Mitverantwortung. Sie betonte, dass die Kinder in Nordrhein-Westfalen nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht haben, zur Schule zu gehen. „Wir wollen den jungen Menschen mit Bildung Perspektiven für ein neues, hoffentlich besseres Leben geben“, so die Ministerin. Deswegen wurden unter anderem 300 zusätzliche Integrationsstellen geschaffen, zahlreiche Programme ins Leben gerufen und spezielle Fortbildungsmodule für Lehrkräfte entwickelt.

Mehr qualifizierte Lehrkräfte an Schulen forderte auch Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek. „Die Gruppe der neu zugewanderten Kinder ist sehr heterogen. Einige sind nicht alphabetisiert, andere stehen kurz vor dem Abitur. Da muss man Konzepte entwickeln, wie man damit umgeht. Das kann nicht alles mit dem gleichen Konzept passieren“, sagte der Direktor des Mercator-Instituts. Hier sei vor allem eine praxisorientierte Forschung gefragt.

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth stellte in seinem Vortrag zahlreiche Forschungsergebnisse vor und wies darauf hin, dass die Zuwanderung kein neues Phänomen ist. „Seiteneinsteiger, Flüchtlinge, neu zugewanderte Kinder und Jugendliche sind ein wiederkehrendes Thema“, betonte der stellvertretende Direktor des Mercator-Instituts. So seien in den 1970er Jahren viele Familien der Gastarbeiter und Mitte der 1980er und 1990er Jahre zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Das hätten viele vergessen. „Aber in historischen Dokumenten findet man immer wieder dieselbe Diskussion und dieselben Überlegungen“, so Roth.

Integration und Segregation

Ob die Integration der Schülerinnen und Schüler und das Erlernen der deutschen Sprache besser im Regelunterricht oder in extra eingerichteten Klassen gelingen, darüber diskutierten unter anderem Prof. Dr. Louis Henri Seukwa von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und Helmut Kehlenbeck, Referent bei der Senatorin für Bildung und Wissenschaft in Bremen. Seukwa zufolge sollte der Schonraum segregativer Angebote genutzt werden, um den Übergang ins Regelsystem zu schaffen. Wichtiger als integrative oder segregative Modelle ist ihm zufolge jedoch, die Kompetenzen des Einzelnen zu erkennen und zu nutzen. Dafür muss die Lebenswelt der zugewanderten Kinder beachtet werden. „Das kann die Schule allein nicht leisten. Es müssen Bildungspartnerschaften eingerichtet werden“, so Seukwa – schließlich könnten Lehrer nicht unterrichten und gleichzeitig auch Psychotherapeuten sein. Dem stimmte auch Helmut Kehlenbeck zu: „Die Integration der Kinder und Jugendlichen ist Aufgabe der ganzen Stadt und aller Schulen.“ Auf der Tagung zeigte sich, dass jeweils situativ und im Einzelfall zu entscheiden ist, welches Modell geeignet ist.

Am Nachmittag fanden parallel fünf Fachforen statt, die jeweils gemeinsam von Wissenschaftlern und Praktikern gestaltet wurden. Dort wurden unter anderem Fortbildungsreihen für Lehrkräfte, Materialien zur Alphabetisierung und Sprachförderung sowie Modelle der Unterrichtsorganisation vorgestellt und lebhaft diskutiert. Zudem boten die Foren den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit, Erfahrungen austauschen und Antworten auf offene Fragen zu bekommen.

Ein Ziel, viele Wege

Letztlich verfolgen alle auf der Tagung vorgestellten und diskutierten Modelle und Ansätze das Ziel, den Kindern die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung und Gesellschaft zu ermöglichen. „Wie man dort hinkommt, mag von Schule zu Schule, von Ort zu Ort und Schüler zu Schüler unterschiedlich sein“, sagte Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung, in der Abschlussrunde. An diesem Ziel und letztlich am Schulerfolg müssten sich alle Maßnahmen messen lassen. Auf der Fachtagung sei deutlich geworden, dass im Vergleich zu früheren Diskussionen bei allen Konzepten, Überlegungen und Entscheidungen nun der einzelne Mensch im Mittelpunkt steht, resümierte sie. Damit Schulen die Integration der Kinder zukünftig besser gelingt, müssen laut Dziak-Mahler mehr institutionell verankerte Angebote bereits für Lehramtsstudierende geschaffen werden. Zudem sollten Lehrkräfte die Ressourcen und nicht die Defizite der Zuwanderer in den Blick nehmen und auch ihre Lebenswelt berücksichtigen.

Auch Farahnaz und Johana gaben den Lehrkräften Ratschläge mit auf den Weg, wie sie neu zugewanderte Kinder in die Schule integrieren können. „Man sollte ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht doof sind, sondern sie einfach nur nicht die Sprache sprechen können“, betonte Farahnaz. „Lehrer sollten sich mehr Zeit nehmen und Interesse zeigen. Sie sollten den Schülern nicht nur etwas beibringen, sondern auch für sie sorgen“, sagte Johana. Die beiden sind in den vergangenen fünf Jahren, dank der Unterstützung einzelner Lehrkräfte, gut in Deutschland angekommen. Farahnaz wird bald ihre Fachoberschulreife haben, Johana macht eine Ausbildung zur Restaurantkauffrau.

Text: Frauke König

Statements von Teilnehmerinnen und Teilnehmern

Ahmad Abouchihab, Lehramtsstudent an der Universität zu Köln

© A. Etges/Mercator-Institut

"Wir müssen uns alle gemeinsam um die neu zu gewanderten Kinder und Jugendlichen kümmern. Ich sehe ihre Integration als Verpflichtung Deutschlands an. Es ist aber auch eine große Herausforderung. Ich absolviere momentan ein Praktikum im Lehramtsstudium in einer Notunterkunft für Flüchtlinge, wo wir Zeit mit Flüchtlingskindern verbringen und ihnen die deutsche Sprache vermitteln. Dort merke ich immer wieder, wie flexibel ich sein muss. Ich kann nicht einen Lehrplan entwerfen und danach unterrichten, sondern muss individuell nach jedem Kind schauen. Ich muss seine Stärken ausbauen und seine Schwächen minimieren. Besonders wichtig ist dabei, dass ich den Menschen sehe. Die Flüchtlingskinder sind zum Teil ganz anders sozialisiert und haben traumatische Situationen erlebt, da müssen sich Lehrer manchmal auch Hilfe von anderen Experten holen, zum Beispiel von Psychologen."

Helmut Kehlenbeck, Freie Hansestadt Bremen, Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft

© A. Etges/Mercator-Institut

"Die Integration von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen lässt sich meiner Meinung nach am besten in durchlässigen Schulsystemen wie zum Beispiel Gesamtschulen umsetzen, weil es eine Schule für alle ist. Je durchlässiger ein System ist, desto besser gelingt die Integration und desto besser kann man die Kompetenzen nutzen, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen. Im Bremen funktionieren viele Maßnahmen sehr gut und wir haben dort ein ausgefeiltes integratives Konzept auf Basis eines inklusiven Schulsystems. Aber weil die Zahl der neu zugewanderten Kinder stetig steigt, müssen wir unsere Modelle und Konzepte immer wieder neu denken und der jeweiligen Situation anpassen. Aber wir sind da auf einem guten Weg! Damit die Integration gelingt, ist es das A und O, dass es eine extrem gute Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene gibt und die verschiedenen Institutionen kooperieren."

Barbara Otten, Robert-Wetzlar-Berufskolleg Bonn

© A. Etges/Mercator-Institut

"Damit die Integration der neu zugewanderten Jugendlichen in der Schule gelingt, ist Menschlichkeit besonders wichtig. Die Jugendlichen müssen sich in der Schule wohlfühlen. Natürlich ist es extrem wichtig, dass sie die Sprache lernen, aber das ist nur eine von vielen Sachen, die bedeutsam sind. Ich glaube, dass die neu zugewanderten Jugendlichen feste Strukturen und Regeln brauchen. In den letzten Jahren gab es deutliche Fortschritte. Wir können zum Beispiel inzwischen die Klasse in den Hauptfächern teilen und in kleineren Gruppen arbeiten. Als Klassenlehrerin habe ich auch eine Stunde zusätzlich in der Woche, in der ich nicht unterrichte. Dann kann ich mich besser um die Schüler kümmern, wenn ich merke, dass es ihnen nicht gut geht. Solche Möglichkeiten helfen bei der Arbeit enorm."

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

© A. Etges/Mercator-Institut

"Der Erwerb der Bildungssprache ist für die systemische Integration von Kindern und Jugendlichen absolut bedeutsam, ebenso die lebensweltlichen Varianten der deutschen Sprache. Es ist jedoch wichtig für den Förderprozess, die mitgebrachten Kompetenzen – seien sie Sprachen, kognitive Fähigkeiten, transnational biografische Erfahrungen und so weiter – als pädagogische Ressourcen nutzbar zu machen. Diese „verborgenen Schätze“ müssen bei den neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen sichtbar gemacht und als „Kapital“ für ihre Bildungs- und gesellschaftliche Integration genutzt werden. Dabei ist es entscheidend, die Lebenswelt und die Lebenslagen, die bei den neu zugewanderten Kindern nicht einfach sind, mit in den Blick zu nehmen. Den Fokus allein auf die schulischen Qualifikationen zu richten und nur diese zu beachten, reicht nicht aus. Um die Kompetenzen zu erkennen und zu nutzen sind eine enge Kooperation und eine Bildungspartnerschaft mit im formellen, non formellen und informellen Sektor agierenden Akteuren und zwar vor, in und nach der Schule nötig."