Bericht

Unterrichtskonzepte für das sprachlich heterogene Klassenzimmer

Welche übergreifenden Curricula, Unterrichtskonzepte und Materialien zur Entwicklung der Sensibilisierung für Mehrsprachigkeit und Multikulturalität im Unterricht gibt es? Wie können Lehrkräfte diese Heterogenität anerkennen, stärken und fördern? Diese und weiteren Fragen wurden im Rahmen des Praxisworkshops „Unterrichtskonzepte für das sprachlich heterogene Klassenzimmer“ von Julia Ricart Brede und Diana Maak (Europa Universität Flensburg) thematisiert. Schwerpunkte lagen dabei u. a. auf dem Faktorenmodell und dem Konzept zum Gesamtsprachencurriculum, die Britta Hufeisen (Technische Universität Darmstadt) in ihrem Vortrag vorgestellt hat.

Die Grundannahme des Workshops war die Idee, dass Mehrsprachigkeit und Multikulturalität eine große Bereicherung darstellen und als solche anerkannt und gefördert werden sollten. Richtlinien, Konzepte und konkrete Materialien können Lehrerinnen und Lehrer und ihre Klasse dabei anleiten und unterstützen. Zu den erstgenannten gehört u.a. der Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen (RePA). Das Instrument bezieht sich auf den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen, geht dabei allerdings auf den Aspekt der Mehrsprachigkeit ein. Außerdem zählen die Vorschläge für die Nutzung des mehrsprachigen Potenzials von Prof. Dr. Oomen-Welke (u.a. Oomen-Welke, 2000) dazu. Diese wurden primär für den Deutschunterricht konzipiert und empfehlen beispielsweise die Einbeziehung mehrerer Sprachen in den Unterricht (ebd.). Oomen-Welke (2010) hat für den Umgang mit Mehrsprachigkeit weiterhin den Sprachenfächer (Oomen-Welke, 2010) entwickelt.

Dieses sowie weitere Materialien wie Dingsda (Bai et al., 2005) und Bildvorlagen für multikulturelle Elterngespräche (Heiligensetzer, 2015) wurden im Rahmen des Workshops in Arbeitsphasen analysiert. In der Diskussion hielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fest, dass alle Beispiele eine begrenzte Reichweite, nämlich primär die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit, besitzen. Es wurde dabei der Wunsch nach Mehrsprachigkeit berücksichtigenden Materialien für das jeweilige Unterrichtsfach geäußert.

Einen Teilaspekt der Mehrsprachigkeitsdidaktik stellen die Mittlersprachen bzw. Vermittlersprachen dar. Darunter können sowohl Sprachen als auch nicht-sprachliche Elemente verstanden werden, die zur Verständigung eingesetzt werden (Maak, Ricart Brede, i. Vorb.). Der Workshop machte deutlich, dass Mittlersprachen eine große Bandbreite an Verwendungsmöglichkeiten bieten. So ist sowohl der schriftliche als auch der mündliche Einsatz möglich, bei direkten Gesprächen oder in Medien. Dieser kann der basalen Verständigung wie auch komplexerer Kommunikation dienen. Die unterschiedlichen im Workshop dazu gemeinsam besprochenen Beispiele, wie u.a. Gestik als Visualisierung, bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als hilfreich.

Warum der Erwerb mehrerer (Fremd-)Sprachen eine Erleichterung und Bereicherung darstellen kann, zeigt das Faktorenmodell von Hufeisen, 2010. Es hebt die fremdsprachenspezifischen Faktoren im L3-Erwerb, z. B. interlinguale Vergleichsfähigkeit, hervor. Diese Faktoren wirken sich positiv auf den weiteren Spracherwerb sowie auch andere Bereiche aus. Dabei verdeutlichte Hufeisen in ihrem Vortrag, dass ein Individuum keinesfalls die Beherrschung aller Sprachen auf einem muttersprachlichen Niveau anstreben muss. Vielmehr sei eine funktionale Mehrsprachigkeit ein wünschenswertes und realistisches Ziel. Dabei ist eine Konstellation anzustreben, in der mehrere Sprachen primär so beherrscht werden, dass das Niveau jeweils zur Erfüllung der für sie vorgesehenen Funktion ausreicht. Einen möglichen Rahmen für eine solche Entwicklung in der Schule bietet das Konzept des Gesamtsprachencurriculums. Es erlaubt den Erwerb und die Verwendung mehrerer Sprachen auch fächerübergreifend, also nicht ausschließlich im (Fremd)Sprachenunterricht, als eine durchgängige Sprachförderung. Ferner werden in diesem Ansatz kulturelle Besonderheiten geschätzt und genutzt (Hufeisen, 2011).

Am Ende des Workshops wurde gemeinsam festgehalten, dass die Veranstaltung interessante wichtige Perspektiven aufzeigte und verfestigte. So freuten sich die Beteiligten auf eine Weiterentwicklung und konkrete Umsetzung bereits vorhandener Konzepte und Programme aus diesem Bereich.

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Mehrsprachigkeit beim Mercator-Institut

Unter Mehrsprachigkeit versteht man die Fähigkeit einzelner Personen, mehr als eine Sprache zu sprechen und sich in der Kommunikation unterschiedlicher Sprachen zu bedienen (individuelle Mehrsprachigkeit). Mehrsprachigkeit entwickelt sich in einer Gesellschaft u.a. durch Zuwanderung. Auch wenn sich Nationalstaaten in der Regel über die Entscheidung für eine Sprache definieren, so ist Mehrsprachigkeit im alltäglichen Leben historisch wie aktuell der Normalfall und stellt für die Gesellschaft wie für das Individuum eine Ressource dar. Das Potenzial an Sprachkenntnissen und Sprachlernerfahrungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sollte daher gefördert werden. Das schließt den Ausbau und die Nutzung der Sprachkompetenzen in der Erstsprache ein.

Das Mercator-Institut ist Kooperationspartner bei der Evaluation der Staatlichen Europa-Schulen Berlin. An diesen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Erstsprachen gemeinsam zweisprachig unterrichtet. Seit Anfang 2014 erhebt die EUROPA-Studie sprachliche, fachliche und interkulturelle Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler der Europa-Schulen und vergleicht sie mit konventionell unterrichteten Schülerinnen und Schülern.

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