Diskussion

Migrationspädagogische Perspektiven auf das Fach Deutsch als Zweitsprache

Die historisch noch junge akademische Disziplin Deutsch als Zweitsprache hat zahlreiche Bezugsdisziplinen mit je eigenen Perspektiven auf den Gegenstand des Faches. Die Migrationspädagogik bietet eine kritische Perspektive. Ein Gastbeitrag von Dr. Kristina Peuschel.

Die historisch noch junge akademische Disziplin Deutsch als Zweitsprache hat zahlreiche Bezugsdisziplinen mit je eigenen Perspektiven auf den Gegenstand des Faches – das Lernen und den Erwerb der deutschen Sprache in der mehrsprachigen Gesellschaft vor allem innerhalb schulisch-institutionalisierter Kontexte. Neben Sprachwissenschaft, Spracherwerbsforschung, Spachlehr- und -lernforschung, Fremdsprachendidaktik, Bildungs- und Erziehungswissenschaften, Entwicklungspsychologie u.a. bietet die Migrationspädagogik eine erweiterte und auch kritische Perspektive auf Deutsch als Zweitsprache als Fach und auf das Handeln in diesem gesellschaftlich relevanten und vielfältigen Feld. Migrationspädagogik beschäftigt sich aus einer rassismuskritischen und postkolonial argumentierenden Perspektive mit den Gefahren unbewusster und unerkannter Diskriminierung im pädagogischen Handeln heterogener Gesellschaften.

Als wichtige Vertreterinnen dieser Perspektive können Inci Dirim und Paul Mecheril genannt werden. Paul Mecheril schreibt: „Mit der Entscheidung, das Verhältnis Migration und Bildung unter der Perspektive ‚Migrationspädagogik’ zu thematisieren, richtet sich der Blick auf Zugehörigkeitserfahrungen in der Migrationsgesellschaft, auf die Macht der Unterscheidung, die von ihnen ausgeht sowie die damit ermöglichten und verhinderten Bildungsprozesse“ (Mecheril 2015, 36; Hervorhebungen im Original). Vor allem Inci Dirim zeigt immer wieder, wie in schulischen Situationen durch Benennungspraktiken, aber auch durch einzelne Förderansätze so genannte ‚Migrationsandere’ konstruiert werden. In diesen sozialen Konstruktionen, die durch die Zuschreibung so genannter ethnischer Zugehörigkeiten, anderer Herkunftsländer oder auch anderer Erstsprachen’ entstehen, stecke immer wieder Benachteiligungspotential, das in der akademischen aber auch praktischen Beschäftigung mit Deutsch als Zweitsprache reflektiert und abgebaut werden solle.

Was heißt das für den additiven und integrativen DaZ-Unterricht in einem Bildungssystem, in dem die große Mehrheit der Inhalte in deutscher Sprache vermittelt wird? Wie kann die Unterstützung erfolgreicher Bildungsbiographien gelingen, ohne durch die Re-Konstruktion von ‚Anderen’ ungewollt Diskriminierungspraktiken zu reproduzieren? Welche Impulse liefern migrationspädagogische Ansätze für die Weiterentwicklung der Berliner DaZ‐Module und der Lehrkräftebildung? Welche fächerübergreifenden und interdisziplinären Bezüge ergeben sich hieraus? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Berliner Entwicklungsprojekt Projekt Sprachen – Bilden – Chancen: Innovationen für das Berliner Lehramt am 9. und 10. Juli 2015 in einem Workshop.

Als Referentin hatte das Projekt die Wiener Professorin Prof. Dr. İnci Dirim eingeladen. In ihrem Vortrag „Fördern ohne Othering – migrationspädagogische Perspektiven auf Didaktik Deutsch als Zweitsprache“ stellte sie die Grundlagen der Migrationspädagogik vor. Im anschließenden Workshop wurden die Erfahrungen bei der Erarbeitung und Implementierung eines auf migrationspädagogischen Ansätzen basierenden DaZ‐Curriculums an der Universität Wien diskutiert. Dazu gehören die konkrete Veränderung von Begrifflichkeiten und Benennungspraktiken. Der Begriff „Translanguaging“ etwa spiegele die Spracherfahrungen mit dem sprachlichen Gesamtrepertoire einer Person besser wider als „Mehrsprachigkeit“. Statt defizitorientiert von „Erst- und Zweitspracherwerb“ zu sprechen, kann der Begriff „erstsprachliches Repertoire” umfassender und gerechter die sprachlichen Ausgangssituationen von Kindern und Jugendlichen abbilden. Viel wichtiger als begriffliche Neuerungsvorschläge sind jedoch die Fragen, die sich aus einer machtkritischen, postkolonialen Perspektive heraus an das Fach Deutsch als Zweitsprache und an die Ausbildung von Fachlehrkräften für die Migrationsgesellschaft formulieren lassen. So ist hier z.B. zu fragen, welche Inhalte die DaZ-Ausbildung an Hochschulen und Universitäten haben muss, wie sich eine mehrsprachige Studierendenschaft zu den Bildungsaufträgen DaZ-Förderung und Sprachbildung in allen Fächern positioniert und wie diese in einer zwar mehrsprachigen aber von einem „monolingualen Habitus“ (Gogolin 1994) durchdrungenen Schullandschaft praktisch umgesetzt wird. Antworten auf diese und weitere Fragen werden aktuell mit dem so genannten „Wiener Ansatz“ diskutiert und werden zukünftig verstärkt im Rahmen einer sich in Gründung befindlichen migrationspädagogischen DaZ-Arbeitsgemeinschaft an der Universität Wien unter der Leitung von  Prof. İnci Dirim bearbeitet.

 

Dr. Kristina Peuschel ist Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Freien Universität Berlin und arbeitet im Entwicklungsprojekt Sprachen – Bilden – Chancen.

Sprachen – Bilden – Chancen ist eine gemeinsame Initiative der Freien Universität (FU), der Humboldt‐Universität zu Berlin (HU) und der Technischen Universität (TU) zur Verbesserung der Lehrkräftebildung in den Bereichen Sprachbildung, Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Das Projekt wird gefördert vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.

Literatur

Dirim, İnci (2015) „Hochschuldidaktische Interventionen: DaZ-Lehrende und –Studierende eruieren Spielräume machtkritisch positionierten Handelns“, In: Thoma, Nadja; Knappig, Magdalena (2015) (Hrsg.) Sprache und Bildung in Migrationsgesellschaften – Machtkritische Perspektiven auf ein prekarisiertes Verhältnis. Bielefeld: Transcript, S. 299 – 316

 

Gogolin, Ingrid (1994) Der Monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann.

 

Mecheril, Paul (2015) „Das Anliegen der Migrationspädagogik“, In: Schule in der Migrationsgesellschaft – Ein Handbuch (Bd. 1: Grundlagen – Diversität – Fachdidaktiken), S. 25 – 53

Informationen zu diesem Thema

Deutsch als Zweitsprache beim Mercator-Institut

Unter Deutsch als Zweitsprache (DaZ) versteht man den Erwerb des Deutschen innerhalb der Zielkultur, also in einem deutschsprachigen Land. Lernt man die deutsche Sprache im Ausland, spricht man hingegen vom Deutschen als Fremdsprache (DaF). Ursprünglich konzentrierten sich Lehre, curriculare Entwicklung und Forschung im Bereich DaZ auf Menschen, die neu in Deutschland ankommen. Das betraf immer schon Erwachsene wie Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter. DaZ- und Integrationskurse richten sich an erwachsene Migrantinnen und Migranten, die ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache nachweisen müssen, um eine Niederlassungserlaubnis zu erhalten oder eingebürgert zu werden.  Seit wenigen Jahren wird darüber hinaus eine andere Zielgruppe verstärkt in den Blick genommen: Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte, die in Deutschland aufwachsen. Diese Kinder wachsen entweder zweisprachig auf oder erwerben zunächst ihre Familiensprache und dann das Deutsche als Zweitsprache.

Im Alltag beherrschen diese Kinder die deutsche Sprache meistens sehr gut, beim Erwerb der Bildungssprache wie der schulischen Fachsprachen benötigen sie jedoch oft Unterstützung. Aus diesem Grund sollen angehende Lehrkräfte schon in Studium und Referendariat darauf vorbereitet werden, Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache gezielt zu fördern. Dazu müssen sie über Kenntnisse und Kompetenzen aus den Bereichen Linguistik, Spracherwerb, Mehrsprachigkeit, Didaktik, Diagnostik und Sprachförderung verfügen.

Bund, Länder und Hochschulen thematisieren zunehmend die Verankerung von Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache im Lehramtsstudium. Um einen Überblick darüber zu gewinnen, in welchen Bundesländern bzw. an welchen Hochschulen Angebote bereits festgeschrieben sind, hat das Mercator-Institut in einer Studie untersucht, wie Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen im Bereich Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ausgebildet werden.

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