Studie

Studie: Was leistet die Lehrerbildung?

Sprachliche Kompetenzen sind eine wesentliche Voraussetzung für gerechte Bildungschancen. Dennoch kam PISA 2012 zuletzt zu dem Ergebnis, dass 14,5 Prozent der Schüler keine ausreichenden Lesekompetenzen mitbringen, um dem Unterricht erfolgreich folgen zu können. Lehrkräfte nehmen dabei eine Schlüsselfunktion ein: Sie müssen mit den unterschiedlichen Herkunftssprachen, kulturellen und sozialen Hintergründen der Schüler umgehen und sie in ihrer sprachlichen Entwicklung bestmöglich fördern. Wie werden Lehrkräfte im Studium, Referendariat und in der Fortbildung darauf vorbereitet? Das hat eine Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache untersucht.

Zentrales Ergebnis: In knapp der Hälfte aller Lehramtsstudiengänge für das Fach Deutsch setzen sich angehende Lehrer mit den Themen Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache auseinander. Der Anteil in allen anderen Unterrichtsfächern liegt bei 40 Prozent. Für die Studie wurden sowohl die einschlägigen Gesetze der Bundesländer und Studienregelungen der 70 lehrerbildenden Hochschulen betrachtet als auch das konkrete Fortbildungsangebot der Länder im Jahr 2012 gesichtet. Insgesamt wurden 107 Landesdokumente sowie 837 Prüfungs-, Studienordnungen und Modulhandbücher ausgewertet und persönliche Rückmeldungen der Länder und Hochschulen eingeholt.

Damit nehmen sich mehr Ausbildungsstandorte des Themengebiets an, als die gesetzlichen Regelungen erwarten lassen, denn nur in Nordrhein-Westfalen ist ein verpflichtendes Modul für alle Lehramtsstudierenden gesetzlich vorgeschrieben. An 69 Prozent der Hochschulen in Deutschland besuchen angehende Grundschullehrkräfte des Fachs Deutsch verpflichtende Studienangebote, im Berufsschullehramt liegt der Anteil immerhin noch bei gut 42 Prozent. Für Lehramtsstudierende in Fächern außer Deutsch sind verpflichtende Bestandteile weniger stark ausgeprägt: Bis zu zwei Drittel der Hochschulen bieten keine spezifische Vorbereitung auf die Themen Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an.

Ergebnisse im Detail

Landesregelungen zur Hochschulausbildung

Hier könnten gesetzliche Vorgaben auf Landesebene weiterhelfen, denn die Studie zeigt: Klare Ländervorgaben führen zu klaren Hochschulregelungen. Machen Länder in Gesetzen und Verordnungen für den Themenkomplex Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache eindeutige Vorgaben, z. B. über die Festlegung von Leistungspunkten, werden diese auf Hochschulebene umgesetzt. Insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen schlägt sich die Landesgesetzgebung in einem konkreten Studienangebot nieder. In weiteren sechs Ländern bleiben die Aufforderungen an die Hochschulen vage bzw. ist der Zusammenhang zwischen Landesvorgaben und Hochschulpraxis nicht unmittelbar zu erkennen. In sieben Bundesländern gibt es auf Landesebene keinerlei inhaltliche Vorgaben für die Hochschulausbildung bzgl. Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.

Landesregelungen zum Referendariat

Die Studie hat auch untersucht, wie Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache im Referendariat und in der Fortbildung von Lehrkräften verankert sind. Nur in Berlin gibt es einen verpflichtenden Ergänzungskurs für alle Referendare, darüber hinaus werden die Themen in den Verordnungen in Bremen und im Saarland erwähnt, jedoch ohne klare Vorgaben zur Umsetzung. Alle anderen Bundesländer halten sich mit Ausbildungselementen zu Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache im Referendariat gänzlich zurück.

Handlungsempfehlungen für alle Phasen der Lehrerbildung

Aus den Recherchen und dem Dialog mit den Hochschulen und Bundesländern darüber, wie Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache bundesweit verankert sind, lassen sich allgemeine Handlungsempfehlungen über die drei Phasen hinweg ableiten. So benötigen Aus- und Fortbildung ein Gesamtkonzept, das deutlich macht, wie Wissen und Kompetenzen im Bereich Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache schrittweise erworben werden können. Auch der Berufsalltag wäre darin ganz bewusst im Sinne eines lebenslangen Lernprozesses eingebunden. Wie so ein Gesamtkonzept aussehen kann, zeigt beispielsweise das europäische Kerncurriculum für die inklusive Förderung von Bildungssprache, das im Rahmen eines Comenius-Projekts an der Universität zu Köln entwickelt worden ist. (Link einfügen)

Zum anderen ergeben sich aus den unterschiedlichen Modellen in den Bundesländern, Hochschulen und bei der Organisation der Fortbildungen spezifische Handlungsempfehlungen für die einzelnen Phasen. In der Hochschulausbildung ist von zentraler Bedeutung, dass die Themen Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache deutlich in den Landesgesetzen verankert werden. Studienreformen können ein Anlass für Veränderungen in diese Richtung sein. Klar ist jedoch auch, dass angesichts der vielfältigen Herausforderungen an den Lehrerberuf nicht alle Lehrkräfte zu Sprachexperten werden können. Sinnvoll erscheint eine Basisqualifikation für alle sowie eine Profilbildung für einige: Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen ein Verständnis dafür entwickeln, dass schulisches Lernen von sprachlichen Kompetenzen abhängig ist. Sie müssen außerdem konkrete Ideen haben, wie sprachsensibler Fachunterricht gestaltet werden kann. Eine vertiefte Qualifizierung einzelner Studierender und Lehrkräfte sollte darüber hinaus freiwillig möglich sein. In Hamburg etwa durchlaufen alle angehenden Lehrkräfte das Modul ‚Umgang mit Heterogenität, Neue Medien und Schulentwicklung’. Zusätzlich können die Studierenden eine Vertiefung in Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache wählen.

Besonderer Bedarf besteht für das Referendariat: Neben der gesetzlichen Verankerung eines Bausteins zu Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache wären hier Curricula und Ausbildungsmaterialien zur Unterstützung der Ausbilderinnen und Ausbilder sinnvoll. Ihre Ausarbeitung kann in Arbeitsgruppen erfolgen, ggf. in Kooperation mit Verlagen, Universitäten und den Landesinstituten für Fortbildung.

Die Fortbildungslandschaft ist stark dezentral organisiert. Hier muss insbesondere ein qualitatives Umdenken stattfinden. Einzelfortbildungen für einzelne Lehrer werden kaum zu einem durchgängigen Sprachförderkonzept an der Schule führen. Fortbildungsangebote müssen sich daher verstärkt Schulentwicklungsprozessen widmen und der Frage, wie diese angestoßen werden können. Ziel ist eine sprachsensible Schulentwicklung

Informationen zu diesem Thema

Lehrerbildung beim Mercator-Institut

Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe; deshalb setzt sich das Mercator-Institut für eine durchgängige Sprachbildung in der Schule ein. Diese kann nur gelingen, wenn angehende Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen bereits im Studium und auch im Vorbereitungsdienst für das Thema sprachliche Heterogenität sensibilisiert und vorbereitet werden.

Daher setzt sich das Mercator-Institut dafür ein, die Lehrerbildung in diesem Bereich zu stärken und Reformprozesse auf bildungspolitischer Ebene zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund fördert das Mercator-Institut u. a. zehn Entwicklungsprojekte in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Hochschulen führen obligatorische Module zu den Themen Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache sowie Sprachbildung ein und verbessern bestehende Formate, z. B. durch innovative Lehr-Lernformate.

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