Bericht

Peer-Education in der Sprachförderung

Für die Vorbereitung auf den Unterricht an Schulen mit heterogener Schülerschaft ist neben der Auseinandersetzung mit den fachinhaltlichen und fachdidaktischen Anforderungen auch die Reflexion der (fach-)sprachlichen Herausforderungen unverzichtbar. Das Konzept Peer_FörBi verfolgt das Ziel, dass Lehramtsstudierende bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihres Studiums mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) intensiv in Berührung kommen und entsprechende Handlungskompetenzen entwickeln.

Lehramtsstudierende, die noch keine Lehrerfahrung gesammelt haben, führen an der Universität Bielefeld im Rahmen eines studienbegleitenden Praktikums erste Praxisversuche im Bereich der Sprachförderung DaZ im Fachunterricht durch. Den Rahmen für diese Praxiserfahrung bietet das universitäre Projekt „FörBi – Förderunterricht für Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprachen“ (FörBi), in dem bereits seit 2001 kleine Gruppen von je vier bis sechs Schülerinnen und Schülern in den Unterrichtsfächern Deutsch, Englisch und Mathematik (Sekundarstufen I und II) von studentischen Förderlehrerinnen und -lehrern unterrichtet werden. Im Rahmen des geförderten Projekts Peer_FörBi erhielten Lehramtsstudierende der Universität Bielefeld im Projektzeitraum – auf der Basis eines peer-edukativen Ansatzes – die Möglichkeit, sprachdiagnostische und förderpädagogische Kompetenzen im Bereich Deutsch als Zweitsprache zu entwickeln und diese sofort in der eigenen Unterrichtspraxis zu erproben. Peer_FörBi setzte an den im Projekt FörBi gesammelten Erfahrungen im Bereich DaZ an.

Das Konzept Peer_FörBi sieht vor, dass Lehramtsstudierende, die bereits über Lehrerfahrung mit mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern verfügen (Peer-Mentorinnen und Peer-Mentoren), Tandems mit Kommilitoninnen und Kommilitonen bilden, die noch keine Lehrerfahrung gesammelt haben und ihr Berufsfeldpraktikum im Projekt FörBi absolvieren (Peer-Mentees). Jedes Peer-Mentoring-Tandem unterrichtet während des Praktikums über einen Zeitraum von sechs Monaten einmal pro Woche je eine Schülergruppe. Der Förderunterricht wird von den studentischen Peer-Tandems auf Grundlage von sprachdiagnostischen Erhebungen des Sprachstandes der Schülerinnen und Schülern eigenständig geplant und durchgeführt.

Ziele

Das Projekt zielt auf eine Intensivierung des Theorie-Praxis-Bezugs im Lehramtsstudium und die Entwicklung von kollegialer Handlungskompetenz in der Sprachförderung DaZ im Fachunterricht. Durch das Peer-Mentoring entwickeln Lehramtsstudierende

  • die Fähigkeit, die Sprachanforderungen des Fachunterrichts und die entsprechenden Sprachschwierigkeiten, denen insbesondere mehrsprachige Schülerinnen und Schüler im Schulunterricht begegnen, zu erkennen und relevante sprachdiagnostische und förderpädagogische Handlungsoptionen zu erarbeiten;
  • die Fertigkeit, sprachsensiblen und bildungssprachfördernden Fachunterricht zu planen, durchzuführen und zu beobachten;
  • die Eignung, sprachaufmerksames Unterrichten kollaborativ zu reflektieren und auszuwerten, besprechend zu modifizieren und beratend zu optimieren sowie vorhandenen Wissens- und Erfahrungsvorsprung kollegial weiterzugeben.

Vorgehensweise und wissenschaftliche Begleitung

Der Entwicklungsprozess der studentischen Peer-Tandems muss kritisch-reflexiv beobachtet und begleitet werden. Vor ihrer Zusammenarbeit mit den Praktikantinnen und Praktikanten absolvieren die Peer-Mentorinnen und Peer-Mentoren ein dreitägiges Qualifizierungsblockseminar, das sowohl auf das Mentoren-Tätigkeitsprofil als auch auf die sprachsensible und bildungssprachfördernde Unterrichtsplanung und -durchführung vorbereitet. Anschließend beginnt das Peer-Mentoring,  d.h. die Peer-Tandems unterrichten und hospitieren wechselseitig, erproben eigene sprachsensible Unterrichtsentwürfe, werten sie im Hinblick auf Sprachsensibilität und Fachsprachlichkeit gemeinsam aus und modifizieren sowie optimieren ihre Unterrichtspraxis zusammen.

Während des Praktikums hospitiert die wissenschaftliche Begleitung bei jedem Peer-Tandem zweimal im Unterricht (zu Beginn und Ende des Praktikums). Im Anschluss an die Hospitationen finden Reflexions- und Beratungsgespräche mit ihr statt. Ergänzend werden von der wissenschaftlichen Begleitung semesterbegleitend alle vier Wochen Reflexionssitzungen angeboten, in denen der Peer-Mentoringprozess, das sprachsensible Unterrichten im Fach und die Erfahrungen der Studierenden im Mittelpunkt stehen. Eine Materialsammlung unterstützt die Studierenden bei der Kompetenzentwicklung und kann nachhaltig in verschiedenen Kontexten eingesetzt werden.

Ergebnisse und Erfahrungen

Im Rahmen des Projekts Peer_FörBi lernen Lehramtsstudierende der Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik Instrumente der Sprachdiagnostik und Maßnahmen der Sprachförderung praktisch einzusetzen. Neben der Auseinandersetzung mit den fachinhaltlichen und fachdidaktischen Anforderungen findet insbesondere die Reflexion der (fach-)sprachlichen Herausforderungen des Fachunterrichts statt. Die angeleitete und gezielte Auseinandersetzung mit der Thematik des sprachsensiblen Unterrichtens und der nahe Bezug zu den Schülerinnen und Schülern und ihrer Sprachenvielfalt führt zu einer Sensibilisierung für das Thema ‚Sprachsensibler Fachunterricht‘ und zur Entwicklung relevanter DaZ-Kompetenzen. Die praxisorientierten Übungen in den Reflexionssitzungen, die gründliche sprachdiagnostische Lektüre der Schülertexte und die Erprobung diagnosegestützter Förderpläne im eigenen Unterricht sensibilisieren die Studierenden für Schüleräußerungen, Formulierungen und den Einsatz von Fachsprache. Die Verwendung von Bildungssprache rückt somit ins Blickfeld und findet bei der Umsetzung der Sprachförderung DaZ zunehmend stärkere Berücksichtigung.

Wesentliche Parameter für die Zielerreichung sind die regelmäßigen praxisnahen Erfahrungen, die wechselseitige Hospitation und Reflexion sowie die hierarchiefreie Zusammenarbeit unter den Studierenden. Auch durch die wissenschaftliche Begleitung werden sie bei der Entwicklung sprachdiagnostischer und förderpädagogischer Kompetenzen im Bereich DaZ im Fachunterricht wesentlich unterstützt und für die kollegiale Beratung qualifiziert. Die dafür entwickelten Lehr- und Lernmaterialien, darunter Diagnose- und Reflexionsinstrumente[1], kommen dabei zum Einsatz. Aufgrund der umfangreichen Aufgaben und um die Qualität des Projekts Peer_FörBi zu sichern, werden die Lehramtsstudierenden intensiv betreut und wissenschaftlich begleitet.

Perspektiven für die Lehrerbildung

Die mit dem Ansatz Peer_FörBi angestrebte Kompetenzentwicklung der Lehramtsstudierenden kann diese dazu befähigen, nachhaltig als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für die Sprachförderung DaZ im Fachunterricht zu wirken. Erfahrungen in der Umsetzung des Ansatzes und Rückmeldungen der teilnehmenden Studierenden weisen darauf hin, dass praktische Lerngelegenheiten die Unterrichtspraxis von Lehramtsstudierenden und ihre Handlungskompetenzen im Bereich des sprachsensiblen Unterrichtens verbessern und sie als kollegiale Beraterinnen und Berater in der Sprachförderung DaZ qualifizieren können.

Autorinnen

Prof. Dr. Claudia Riemer ist Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld

Nadia Wahbe ist Mitarbeiterin im Projekt 'Peer-Education in der Sprachförderung DaZ' an der Universität Bielefeld


Das Projekt „Peer-Education in der Sprachförderung DaZ“ (Peer_FörBi) wurde vom 1. April 2014 bis zum 30. Juni 2016 durch das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache gefördert.

Zum Weiterlesen

Bayrak, Cana; Decker, Lena; Wahbe, Nadia (2017): Authentisches Lehr- und Lernmaterial für die Lehrerausbildung. In: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache (Hrsg.) 2017: „Blick zurück nach vorn. – Perspektiven für sprachliche Bildung in Lehrerbildung und Forschung.“ Köln

Zur Projektwebsite

Informationen zu diesem Thema

Lehrerbildung beim Mercator-Institut

Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe; deshalb setzt sich das Mercator-Institut für eine durchgängige Sprachbildung in der Schule ein. Diese kann nur gelingen, wenn angehende Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen bereits im Studium und auch im Vorbereitungsdienst für das Thema sprachliche Heterogenität sensibilisiert und vorbereitet werden.

Daher setzt sich das Mercator-Institut dafür ein, die Lehrerbildung in diesem Bereich zu stärken und Reformprozesse auf bildungspolitischer Ebene zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund fördert das Mercator-Institut u. a. zehn Entwicklungsprojekte in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Hochschulen führen obligatorische Module zu den Themen Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache sowie Sprachbildung ein und verbessern bestehende Formate, z. B. durch innovative Lehr-Lernformate.

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