Bericht

Mehrsprachige Unterrichtsentwicklung

Mit Blick auf die Funktion der Institution Schule als Ort der fachlichen Bildung und auch der Persönlichkeitsentwicklung wird deutlich, dass den in vielen Fällen mehrsprachig aufgewachsenen Schülerinnen und Schülern eine an Einsprachigkeit in der Schul- und Unterrichtssprache Deutsch orientierte Wirklichkeit in den Schulen gegenübersteht. In einem Symposium im Rahmen der Jahrestagung 2016 wurden neuere sowie schon länger implementierte Konzepte, Ansätze und Methoden mehrsprachiger Bildungsarbeit in allen schulischen Bildungsetappen diskutiert.

Während mehrsprachige Lehr- Lernarrangements meist in prestigehohen Sprachen des klassischen Fremdsprachunterrichts angeboten werden, stellen Ansätze, die sprachliche und fachliche Bildung in Deutsch und Herkunftssprachen von Schülerinnen und Schülern ermöglichen, in der Breite betrachtet eine Ausnahme dar. Die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler kann dabei mit unterschiedlicher Reichweite Berücksichtigung finden: Das Spektrum des Möglichen reicht von einer auf Sichtbarkeit von Mehrsprachigkeit ausgerichteten punktuellen Sensibilisierung über gelegentliches sprachkontrastives Arbeiten bis hin zu Konzepten mehrsprachiger Alphabetisierung und strukturierten bilingualen Programmen, die auch einsprachig deutsch sozialisierte Kinder adressieren.

Im Fokus des Symposiums standen Beiträge zu methodisch-didaktischen Fragen mehrsprachiger Unterrichtsentwicklung sowie die Vorstellung von Forschungsergebnissen zu Effekten und Gelingensbedingungen mehrsprachiger sprachlicher Bildung. Hier finden Sie die Abstracts der Beiträge in voller Länge.

Zur interlingualen Wirksamkeit von Schreibarrangements in der multi-lingualen Sekundarstufe I

Prof. Dr. Torsten Steinhoff & Lars Rüßmann (Universität Siegen)
Prof. Dr. Nicole Marx & Anne Kathrin Wenk (Universität Bremen)

Wir möchten Ergebnisse eines Teilprojekts der vom BMBF geförderten, laufenden Interventionsstudie "Schreibförderung in der multilingualen Orientierungsstufe" vorstellen. Mit dieser Teilstudie reagieren wir auf drei dringliche Desiderate: Es gibt kaum Forschung (1.) zu Zusammenhängen zwischen Schreibkompetenzen in unterschiedlichen Sprachen, (2.) zum Transfer von Schreibkompetenzen in der Majoritätssprache Deutsch in andere Familiensprachen und (3.) zum diesbezüglichen interlingualen Förderpotenzial.

Wir gehen im Teilprojekt der Frage nach, wie sich unterschiedliche "Schreibarrangements", d.h. komplexe didaktische Textproduktionssettings, interlingual auf die Qualität von Lernertexten auswirken. Dies untersuchen wir am Beispiel des Beschreibens in der 6. Jahrgangsstufe in Gymnasien und Gesamtschulen in NRW. Die Arrangements werden im Deutschunterricht durchgeführt, die Lernertexte im Deutsch- und Türkischunterricht erhoben. Die Unterschiede zwischen den Arrangements ergeben sich durch die Spezifik sprachlicher Hilfen: (1.) "Kontextprofilierung": keine sprachlichen Hilfen, (2.) "Ausdrucksprofilierung": Hilfen zu sprachlichen Formen, (3.) "Schemaprofilierung": Hilfen zu sprachlichen Funktionen, (4.) "Sprachprofilierung": Hilfen zu sprachlichen Formen und Funktionen. Die Qualität der Texte wird mithilfe kriterialer und naiver Ratings beurteilt.

Im Mittelpunkt des Beitrags stehen erste Ergebnisse zur Gruppe der insgesamt 90 Schüler/innen mit türkischer Familiensprache, die sowohl am Deutsch- als auch am Türkischunterricht teilgenommen haben. Auf der Grundlage der Ratingergebnisse zu den insgesamt ca. 1.200 deutsch- und türkischsprachigen Schülertexten, die zueinander und zur Gesamtkohorte in Relation gesetzt werden, wird dargelegt, (1.) ob es Zusammenhänge zwischen den Schreibkompetenzen in den beiden Sprachen gibt, (2.) ob kausale Zusammenhänge i.S. eines Transfers der im Deutschunterricht angeeigneten Schreibkompetenzen in das Türkische existieren und (3.) welche Schlussfolgerungen sich hieraus für das interlinguale Transferpotenzial eines mehrsprachigen Schreibunterrichts ziehen lassen.

Schriftspracherwerb mehrsprachiger SchülerInnen – Syntaktische Entwicklung in der Erst- und Zweitsprache Türkisch-Deutsch mehrsprachiger SchülerInnen

Esin Işıl Gülbeyaz (Universität Potsdam)

Gegenstand der Untersuchung, die in diesem Beitrag dargestellt wird, ist die Entwicklung schriftsprachlicher Kompetenzen im syntaktischen Bereich bei mehrsprachigen SchülerInnen mit Türkisch als Erstsprache. Die syntaktische Entwicklung wird in der Zweitsprache Deutsch und der Erstsprache Türkisch unter Berücksichtigung des erstsprachlichen Inputs –bilinguale vs. Regelschule– untersucht. Die Daten wurden im Rahmen des durch DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und ANR (L'Agence nationale de la recherche) geförderten MULTILITProjektes (http://www.uni-potsdam.de/daf/projekte/multilit.html) erhoben und stammen aus Schülertexten (Erörterung) der 7., 10. und 12. Klasse der jeweiligen Schulart. In Anbetracht der Datenerhebung handelt es sich hierbei um eine pseudo-longitudinale Studie. Bei der Untersuchung stehen – neben der Entwicklung syntaktischer Komplexität– die Wirkung des erstsprachlichen Unterrichts auf die schriftliche Kompetenz in der Erst- und Zweitsprache sowie mögliche gegenseitige Einflüsse beider Sprachen aufeinander im Fokus. Der Einfluss des erstsprachlichen Inputs wird unter den Gesichtspunkten der Intensität des Inputs (mehr vs. weniger Unterrichtsstunden) und der Unterrichtsart (Unterrichtssprache [an der bilingualen Schule] vs. Fremdsprache [an der Regelschule]) untersucht.

Die Studie unterscheidet sich von den meisten anderen Untersuchungen zum Sprachgebrauch und zur Sprachentwicklung mehrsprachiger Schüler dadurch, dass sie beide Sprachen der Schüler berücksichtigt und ihre schriftsprachliche Entwicklung in drei verschiedenen Jahrgängen vergleicht. Die Wahl schriftlicher Texte rührt vom Forschungsinteresse her die schriftlichen Kompetenzen der Schüler zu untersuchen, welche an der Schriftsprache orientiert sind.

 

Zur Beforschung vielsprachiger Theaterarbeit an der Schule

Gisela Fasse (Heinrich-Heine Gymnasium) & Ute Henning (TU Darmstadt)

In der vielsprachigen Theatergruppe, die am Heinrich-Heine-Gymnasium in Köln im Rahmen von Anstrengungen zu mehrsprachiger Unterrichtsentwicklung entstand und seit mehreren Jahren als Wahlpflichtarbeitsgemeinschaft besteht, kommen alle Sprachen der beteiligten SchülerInnen zu Wort. In gemeinsamer Arbeit wird hier jährlich ein multilinguales Theaterstück erdacht, erprobt und zur Aufführung gebracht (vgl. Fasse 2014). Zielsetzung dieser Theater-AG ist es, dass die SchülerInnen im kreativen Arbeitsprozess Wertschätzung für ihre vielsprachigen Kompetenzen erfahren, dass sie auf dem Weg zu einer Haltung der Empathie unterstützt werden und dass ihr Sprach- und Sprachenbewusstsein gefördert wird. Die Übertragung dieses Verfahrens auf eine internationale Vorbereitungsklasse wird derzeit erprobt.

Diese ungewöhnliche schulische Theaterarbeit stellt das Forschungsfeld für zwei empirische Studien dar. Im Schuljahr 2013/14 wurde als Teil des Projektes PlurCur am Europäischen Fremdsprachenzentrum eine qualitative Longitudinalstudie über die Einstellungen der mehrsprachig Theater spielenden SchülerInnen zu einzelnen Sprachen und zu Mehrsprachigkeit durchgeführt (vgl. Henning 2015 und www.ecml.at/plurcur). Im aktuellen Schuljahr wird in einer weiteren Studie der komplexe und offene Prozess in der derzeit bestehenden AG dokumentiert. Dahinter steht die Fragestellung, wie die Entwicklung eines einmaligen, auf den Erfahrungen der SchülerInnen basierenden multilingualen Theaterstücks gelingen kann. Dabei wird fokussiert, wie die SchülerInnen sprachlich agieren.

Im Vortrag sollen nach einer Skizzierung des Forschungsfeldes die beiden empirischen Studien vorgestellt und in ihrer Bedeutung für die mehrsprachige Unterrichtsentwicklung reflektiert werden.

Zweisprachig oder einsprachig Bruchrechnung verstehen? Wirksamkeit und Wirkungen einer türkisch-deutschen Förderung

Prof. Dr. Susanne Prediger,
Dr. Lena Wessel, Dr. Alexander Meyer & Taha Kuzu
(TU Dortmund)
Prof. Dr. Angelika Redder (Uni Hamburg)

Auch wenn der Einbezug der Erstsprachen in schulische Lernprozesse immer wieder angemahnt wird (Beacco et al. 2010, für Mathematik z.B. Barwell 2009), gibt es wenig belastbare Befunde zu Lernwirksamkeit und Hürden für das fachliche Lernen (Reljić et al. 2015), insbesondere für mehrsprachige Jugendliche mit komplett deutscher Schulbiographie. Daher wird am Beispiel des konzeptuellen Verständnisses von Bruchrechnung in Klasse 7 untersucht: Inwieweit ist der Einbezug der Erstsprache Türkisch für mehrsprachige Jugendlichen lernförderlich? Für welche Lernenden und in welchen Momenten überwiegen die Hürden einer noch wenig aktivierten türkischen Bildungs- und Fachsprache, für welche der Nutzen des Einbezugs von alltäglichen Erfahrungs- und Sprachressourcen?

In einer Interventionsstudie wird eine zweisprachige mit einer einsprachigen Förderung zum Aufbau von konzeptuellem Verständnis zur Bruchrechnung kontrastiert. Das quantitative Design der Prä-Post-Follow-Up-Interventionsstudie mit n=139 Siebtklässlerinnen und Siebtklässlern vergleicht den Lernzuwachs im konzeptuellen Verständnis unter Kontrolle der Vorkenntnisse, kognitiven Grundfertigkeiten und Sprachkompetenzen in Deutsch und Türkisch.

Die qualitative Analyse der videographierten Förderprozesse ermöglicht, situationsbezogene Wirkungen und Gelingensbedingungen herauszuarbeiten. Dabei zeigen sich sehr unterschiedliche Muster der Sprachnutzungen, typische Hürden und Chancen der Vernetzung beider Sprachen im Prozess der Vorstellungsentwicklung.

Mehrsprachigkeit als Ressource für den Erwerb und die Anwendung von Lese- und Rechenstrategien beim Peer-Learning von bilingualen Kindern der 3. und 4. Klasse?

Martin Schastak, Dr. Jasmin Decristan, Dr. Dominique Rauch & Katja Richter, (DIPF)

Bilingual aufwachsende Kinder kommunizieren im familiären Umfeld und in ihrer Peer-Group in ihren beiden Sprachen (Reich, 2009). Ausgehend von Cummins (2000) Interdependenzhypothese kann die Erstsprache von bilingual aufwachsenden Kindern eine Ressource zum Erwerb bildungssprachlicher Fähigkeiten darstellen. Im schulischen Regelunterricht lernen und interagieren bilingual aufwachsende Kinder jedoch monolingual. Für die häufig geäußerte Forderung, die Mehrsprachigkeit als Ressource fruchtbar in den Unterricht zu integrieren, gibt es bisher wenig konkrete und empirisch überprüfte Konzepte (Rehbein, 2010). Einen vielversprechenden Ansatz stellt die Methode „Peer-Learning“ dar, die sich bei einer heterogenen Schülerschaft im Hinblick auf kognitive, soziale und motivationale Förderung als wirksam erwiesen hat (siehe z. B. Rohrbeck et al. 2003).

Das Projekt „Förderung der Deutsch-Lesekompetenz bilingualer Grundschüler durch Peer-Learning (BiPeer)“ untersucht in einem experimentellen Treatment-Kontrollgruppen-Design, wie Mehrsprachigkeit als Ressource in Peer-Learning Settings zum Erwerb und zur Förderung von Lese- und Rechenstrategien implementiert werden kann. Im Vortrag sollen die beiden Interventionen des Projektes vorgestellt werden, wobei insbesondere die Implementation der Mehrsprachigkeit und deren mögliche Effekte sowie die Umsetzbarkeit in den Regelunterricht diskutiert werden sollen.

Das Projekt „Meine Sprachen und ich“: Digital Story Telling als Chance zur Thematisierung lebensweltlicher Mehrsprachigkeit

Ulrich Schultze (WWU Münster)

Die lebensweltlich erworbene Mehrsprachigkeit einer zunehmenden Zahl von SchülerInnen ist in unseren Schulen bisher kaum als Ressource und Potential wahrgenommen geworden. Die Schulpolitik fordert nun „kulturelle Hintergründe und die Mehrsprachigkeit von Schülerinnen und Schülern“ wertzuschätzen und zu ermöglichen, „dass sie ihre spezifischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten einbringen können“ (Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, Referenzrahmen Schulqualität, 2014: 46).

Die im Projekt „Meine Sprachen und ich“ entstandenen Digital Stories zeigen, wie lohnend es sein kann, sich auf diesen Weg zu begeben. In ihnen wird das Spracherleben in seinen unterschiedlichen Facetten und Bezügen angesprochen – von mehrsprachigen SchülerInnen selbst. Zur Sprache kommen dabei Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung ebenso wie solche von (Nicht-) Zugehörigkeit bzw. Mehrfachzugehörigkeiten, Sprachlust, Sprachfrust und Sprachverlust ebenso wie deren Korrelate im Erleben sprachlicher Macht oder Ohnmacht.

Die Digital Stories laden uns ein zur Reflexion unserer diesbezüglichen Haltungen wie auch zur Aneignung und Erprobung der Methode des Digital Story Telling, das an mediale Vorlieben und Kompetenzen Jugendlicher anknüpft, zugleich aber auf narrative Traditionen zurückgreift. Bezogen auf die eigene lebensweltliche Mehrsprachigkeit lässt sich so im Rahmen dialogischer und diskriminierungsbewusster Arrangements ein Raum eröffnen, den die SchülerInnen für die Auseinandersetzung mit ihrer Sprachbiografie, für den Austausch über ihre Erfahrungen und für die Erarbeitung eines Produkts nutzen können, das ihre jeweiligen Subjektperspektiven verdeutlicht. In einem Kontext, in dem mächtige Diskurse Hierarchien in Bezug auf Prestige, Bedeutung und Legitimität von Sprachen suggerieren und in dem Schulen sich veranlasst fühlten, Sprachverbote auszusprechen, ist das alles andere als selbstverständlich und kann im besten Fall nicht nur ein Empowerment bewirken sondern zum Impuls für einen Schulentwicklungsprozess im oben angeführten Sinne werden.

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Mehrsprachigkeit beim Mercator-Institut

Unter Mehrsprachigkeit versteht man die Fähigkeit einzelner Personen, mehr als eine Sprache zu sprechen und sich in der Kommunikation unterschiedlicher Sprachen zu bedienen (individuelle Mehrsprachigkeit). Mehrsprachigkeit entwickelt sich in einer Gesellschaft u.a. durch Zuwanderung. Auch wenn sich Nationalstaaten in der Regel über die Entscheidung für eine Sprache definieren, so ist Mehrsprachigkeit im alltäglichen Leben historisch wie aktuell der Normalfall und stellt für die Gesellschaft wie für das Individuum eine Ressource dar. Das Potenzial an Sprachkenntnissen und Sprachlernerfahrungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sollte daher gefördert werden. Das schließt den Ausbau und die Nutzung der Sprachkompetenzen in der Erstsprache ein.

Das Mercator-Institut ist Kooperationspartner bei der Evaluation der Staatlichen Europa-Schulen Berlin. An diesen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Erstsprachen gemeinsam zweisprachig unterrichtet. Seit Anfang 2014 erhebt die EUROPA-Studie sprachliche, fachliche und interkulturelle Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler der Europa-Schulen und vergleicht sie mit konventionell unterrichteten Schülerinnen und Schülern.

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