Bericht

Authentisches Lehr- und Lernmaterial für die Lehrerausbildung

Wie kann man authenti­sches Lehr- und Lernmaterial für die Lehrerbildung entwickeln und gezielt einsetzen? Diese Frage steht im Zentrum dieses Beitrags aus den vom Mercator-Institut geförderten Entwicklungsprojekten Ako (Universität Siegen), DaZ im Kontakt (Technische Universität Dortmund) und Peer _FörBi (Universität Bielefeld). Während bei den ersten beiden Projekten Schülertexte fokussiert wurden, standen im dritten Projekt Videosequenzen im Mittel­punkt. Auf diese Lehr- und Lernmaterialien und deren Einsatz in der Lehrerausbildung soll im Folgenden genauer eingegangen werden.

Authentische Schülertexte

Bei der Erhebung authentischen Textmaterials sind Beziehungen zu Schulleitungen und Lehrkräften von nicht zu unterschätzendem Wert. Vertrauen in eine respektvolle und Anonymität berücksichtigende Arbeitsweise stellt das Fundament für eine funktionierende Zusammenarbeit dar. Im Falle der Erhebung von Schülertexten im Projekt Ako war das Ziel, dass Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sogenannte „Mathebriefe“ (Roos, 2013) verfassen. Die Textform „Mathebrief“ verbindet sprachliches und fachliches Lernen, indem Schülerinnen und Schüler Brieffreundschaften pflegen und dabei mathematische Aufgaben erklären und diskutieren. Diese Schülertexte wurden u. a. für Seminare mit Lehramtsstudierenden im Modul „Deutsch für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ (DSSZ) genutzt. Dabei musste jedoch trotz Beziehungen zu den betreffenden Schulen auf Metadaten wie Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund verzichtet werden, da  diese sensiblen Daten vonseiten der Schulleitung nicht herausgegeben wurden. Das Textmaterial selbst konnte ohne Bedenken erhoben werden. Dazu wurde ein möglichst authentisches Setting entwickelt, bei dem eine Lehrkraft das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler erfasste und ihnen einen Mathebrief vorstellte, auf den die Schülerinnen und Schüler eine Antwort schreiben konnten. Die erhobenen Antwort-Briefe wurden anschließend im Rahmen von Seminaren des DSSZ-Moduls eingesetzt. Dabei wurde zunächst ein Lernarrangement zu „Mathematischen Brieffreundschaften“ (Roos, 2013) als Beispiel für sprachsensiblen Unterricht im Fach Mathematik vorgestellt und diskutiert. Die Schülertexte wurden daraufhin als authentisches Textmaterial gereicht und zur Analyse und fördernden Beurteilung genutzt. In einem Lernarrangement zur Entwicklung von Textbeurteilungskompetenz (am Beispiel der Textsorte „Märchen“) wurde in Seminaren des DSSZ-Moduls außerdem mit einem authentischen Schülertext aus dem Mercator-Förderunterricht (vgl. Kniffka, 2006) gearbeitet (vgl. auch Siebert-Ott et al., 2015).

Eine durch Kooperation mit Lehrkräften ermöglichte Erhebung authentischer Schülertexte erfolgte auch im Rahmen des Projekts DaZ im Kontakt. Die an der Aktionsforschung (vgl. Di Fuccia & Ralle, 2014) beteiligten Lehrkräfte gaben Studierenden die Möglichkeit, in Zweiergruppen ihren Chemieunterricht zu besuchen und Schülerinnen und Schüler beim Experimentieren und bei der anschließen-den Erstellung von Versuchsprotokollen zu beobachten. Die Studierenden korrigierten die im Unterricht verfassten Protokolle mithilfe des Feedback Instruments „Protokoll-Checker“ (vgl. Bayrak, Hoffmann & Ralle, 2015) und händigten sie in der folgenden Unterrichtsstunde den Schülerinnen und Schülern zur Überarbeitung aus. Anschließend beurteilten die Studierenden die Versuchsprotokolle und deren Überarbeitungen in einer Reflexion nach sprachlichen und fachlichen Kriterien. Die erhobenen Protokolle wurden zudem auch in Seminaren eingesetzt, in denen die Studierenden keine Möglichkeit hatten, die Implementation unmittelbar selbst im Schulunterricht durchzu- führen. So konnten auch diese Studierenden mit authentischem Material arbeiten, um zum einen Schülertexte auf sprachliche und fachliche Stolpersteine hin zu analysieren und zum anderen die Anwendung des Feedback Instruments zu üben.

Die Studierenden beurteilten die Arbeit mit authentischen Schülertexten in beiden Projekten als sehr gewinnbringend und gaben in Interviews und schriftlichen Reflexionen an, dass ihnen die Bedeutung der adäquaten Verwendung der (Fach-)Sprache durch die intensive Auseinandersetzung mit Schülertexten besonders vor Augen geführt worden sei und sie nun besser einschätzen könnten, wo genau die Stolpersteine beim Verfassen bestimmter Textsorten lägen. Zudem zeigten die Befragung sowie die Analyse von Studierenden-Protokollen, dass die verbesserte Korrekturkompetenz der Studierenden auch einen positiven Einfluss auf die eigenen Schreibkompetenzen zur Folge hatte.

Authentische Videosequenzen

Ergänzend sind im Rahmen des Projekts Peer_FörBi Videosequenzen von authentischen Unterrichtsbeispielen im Förderunterricht (vgl. Hinrichs & Riemer, 2003) aufgezeichnet worden. Lehramtsstudierende erhielten als Peer-Tandems die Möglichkeit, eigene sprachsensible Unterrichtsentwürfe in Kleingruppen aus je vier Schülerinnenund Schülern der Sekundarstufe I zu erproben, wechselseitig im Förderunterricht zu hospitieren und sich anschließend gegenseitig zu beraten. Die dabei entwickelten Videosequenzen können als Anschauungsmaterialien in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt und zum Anlass von Reflexionen werden, z.B. im Rahmen des DaZ-Moduls in der Lehrerausbildung. Um dies zu realisieren, wurden gelungene und weniger gelungene sprachsensible Unterrichtssituationen videografiert und um einen Begleittext ergänzt.

Zur Vorbereitung der Videografie sind aus datenschutzrechtlichen Gründen in Abstimmung mit dem Justitiariat der Universität Bielefeld Einwilligungserklärungen und Informationsbriefe, sowohl für die Eltern der Schülerinnen und Schüler als auch für die mitwirkenden Studierenden, erarbeitet worden. Das Aufsetzen geeigneter Schreiben und die Kommunikation mit den Eltern beanspruchen Zeit und sollten deshalb bei der Planung von Unterrichtsvideografie frühzeitig berücksichtigt werden. Gemeinsam mit dem Team "eLearning/Medien“ der Universität Bielefeld hat sich das Projektteam zeitgleich mit dem Thema Unterrichtsvideografie reflektierend auseinandergesetzt und sich fortgebildet. Anschließend entwickelten die studentischen Peer-Tandems eigenständig sprachsensible Unterrichtsverlaufspläne für die Schulfächer Deutsch und Mathematik und setzten diese im Förderunterricht um. Nach der Durchführung und Aufzeichnung des Unterrichts fand die Sichtung und Aufbereitung der Videosequenzen statt, flankiert von einer kritisch-konstruktiven und wissenschaftlich fundierten Reflexion, zu der sowohl die noch lernende Studierendensicht als auch die fachlich kompetente Dozierendensicht hinzugezogen wurden. Die Speicherung, Verwendung, Veröffentlichung, Kopie, Weitergabe und Löschung der im Projekt entwickelten Videosequenzen müssen mit den Projektverantwortlichen abgestimmt werden.
Die hier vorgestellten Materialien (Schülertexte und Videosequenzen) werden von in der Lehrerausbildung tätigen Hochschullehrenden als praxisorientierte authentische Lehr- und Lernmaterialien bereitgestellt und können somit einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung in der Lehrerausbildung leisten.

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form zuvor in der Publikation Blick zurück nach vorn erschienen.

Autorinnen

Cana Bayrak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dortmunder Kompetenzzentrum für Lehrerbildung und Lehr-/Lernforschung der TU Dortmund und Promotionsstipendiatin in der Nachwuchsakademie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich des Zweitspracherwerbs und des sprachlichen und fachlichen Lernens im Fachunterricht.

Dr. Lena Decker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. Ihre gegenwärtigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Entwicklung und Förderung von Textkompetenz unter besonderer Berücksichtigung des Deutschen als Zweitsprache.

Ina Kaplan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen und Promotionsstipendiatin in der Nachwuchsakademie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der hochschuldidaktischen Forschung im Bereich DaZ in der Lehrerbildung.

Nadia Wahbe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bielefeld, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Fachbereich DaF/DaZ. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Entwicklung hochschuldidaktischer Materialien, die Peer-Education und Sprachförderung DaZ in der Lehrerbildung stärken.

Informationen zu diesem Thema

Lehrerbildung beim Mercator-Institut

Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe; deshalb setzt sich das Mercator-Institut für eine durchgängige Sprachbildung in der Schule ein. Diese kann nur gelingen, wenn angehende Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen bereits im Studium und auch im Vorbereitungsdienst für das Thema sprachliche Heterogenität sensibilisiert und vorbereitet werden.

Daher setzt sich das Mercator-Institut dafür ein, die Lehrerbildung in diesem Bereich zu stärken und Reformprozesse auf bildungspolitischer Ebene zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund fördert das Mercator-Institut u. a. zehn Entwicklungsprojekte in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Hochschulen führen obligatorische Module zu den Themen Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache sowie Sprachbildung ein und verbessern bestehende Formate, z. B. durch innovative Lehr-Lernformate.

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