Bericht

Außerunterrichtliche Sprachbildung in der Schule: Bildungsketten im Kontext von Zwei- und Mehrsprachigkeit

Wie funktioniert die Arbeit mit Bildungsketten und welche Chancen und Grenzen sind damit verbunden? Wie lassen sich Bildungsketten im Kontext von Zwei- und Mehrsprachigkeit in der Praxis umsetzen? Und welche Schritte sind bei der Konzeptualisierung und Implementierung eines Angebotes im Sinne einer Bildungskette zu beachten? Diesen Fragen widmete sich das Forum „Außerunterrichtliche Sprachbildung in der Schule: Bildungsketten im Kontext von Zwei- und Mehrsprachigkeit“ von Hans-Joachim Roth und Henrike Terhart von der Universität zu Köln im Rahmen der Jahrestagung 2016.

Außerunterrichtliche Aktivitäten in der Schule bieten zahlreiche Lerngelegenheiten – auch hinsichtlich des Umgangs mit sprachlichen Kompetenzen in einer Migrationsgesellschaft. Darüber hinaus besteht hier die Möglichkeit, verschiedene Akteure zusammenzubringen. Wenn – wie beispielsweise im Mercator-Förderunterricht – qualifizierte Studierende am Nachmittag sprachförderliche Aktivitäten in einer Schule durchführen, ist diese Zusammenarbeit zwischen Universität und Schule ein Beispiel für eine so genannte Bildungskette. Diese Metapher wird für Bildungsprojekte genutzt und meint eine inhaltliche und organisatorische Kooperation von Personen und/oder Einrichtungen auch über institutionelle Grenzen hinweg. Dies ist mit dem Ziel verbunden, Kompetenzen weiterzugeben, z.B. durch Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler, Studierende o.a. Bekannte Ansätze sind die Arbeit mit Multiplikatoren oder der Peer-Learning-Ansatz.

Im Forum wurde die konkrete Arbeitsweise von Bildungsketten anhand von drei Praxisprojekten veranschaulicht:

So bietet die Liebfrauenschule in Köln an zwei Nachmittagen in der Woche Deutschunterricht für Bewohnerinnen und Bewohner einer nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft an. Das Besondere des Projekts "Willkommen an der Liebfrauenschule" besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und deren Eltern neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sowie deren Mütter und Väter in Deutsch als Zweit- bzw. Fremdsprache unterrichten; Deutschlehrerinnen und -lehrer der Schule beraten und unterstützen sie dabei. Gekoppelt sind die Deutschstunden an gemeinsame sportliche Aktivitäten, in denen der Austausch zwischen Eltern und Kindern mit verschiedenen sprachlichen Fähigkeiten im Vordergrund steht.

Im Elternbildungsprogramm Rucksack Schule, einem Angebot für mehrsprachige Familien in der Grundschule, werden an Grundschulen Rucksackgruppen für Eltern angeboten. Elternbegleiterinnen, zumeist Mütter, die selbst mehrsprachig sind, bieten die Gruppen an. Sie sind für ihre Aufgabe im Programm vorab qualifiziert worden und werden begleitend gecoacht. Während der Gruppentreffen werden neben allgemeinen Erziehungsthemen Fragen zu einer mehrsprachigen Erziehung in den Familien besprochen. Hierfür stehen Arbeitsblätter auf verschiedenen Sprachen zur Verfügung, die von den Familien zuhause bearbeitet und durch weitere sprachfördernde Aktivitäten begleitet werden sollen. Die in den Rucksackgruppen besprochenen Inhalte werden dabei mit den Unterrichtsinhalten parallelisiert: Kinder, deren Mütter an Rucksack teilnehmen, bearbeiten die gleichen Inhalte (etwa das Thema „Herbst“) zuhause mit ihren Müttern sowie im Regelunterricht.

Das Chancenwerk e. V. bietet drei Formen sogenannter Lernkaskaden an: Eine Form bezieht Studierende, sowie Schülerinnen und Schüler höherer und niedrigerer Klassen mit ein. Die Idee ist, dass an einer Kooperationsschule ein Studierender ältere Schülerinnen und Schüler in einem Schulfach unterstützt, in dem Nachhilfebedarf besteht. Als Gegenleistung für diese Hilfe unterstützen die älteren Schülerinnen und Schüler nun wiederum jüngere Schülerinnen und Schüler bei ihren schulischen Aufgaben.

Die drei vorgestellten Projekte aus der Praxis beinhalten auf je unterschiedliche Weise den Gedanken der Bildungskette. Im Anschluss an die Vorstellung der Beispiele modellierten die Teilnehmenden in zwei Arbeitsgruppen eigene Ideen für Bildungsketten im Kontext von sprachlicher Bildung und insbesondere Zwei- und Mehrsprachigkeit. Als zentrale Herausforderungen wurden festgehalten:  Die Vernetzung der verschiedenen Institutionen bedarf einer guten Abstimmung untereinander; die Bestimmung konkreter Ansprechpersonen ist dabei besonders wichtig. Um das gewonnene Prozesswissen auch neuen Teilnehmenden zugänglich zu machen, ist eine Prozessbegleitung – bspw. in Form eines Coaches – notwendig. So kann auch die Nachhaltigkeit solcher Projekte gesichert werden.

Informationen zu diesem Thema

Deutsch als Zweitsprache beim Mercator-Institut

Unter Deutsch als Zweitsprache (DaZ) versteht man den Erwerb des Deutschen innerhalb der Zielkultur, also in einem deutschsprachigen Land. Lernt man die deutsche Sprache im Ausland, spricht man hingegen vom Deutschen als Fremdsprache (DaF). Ursprünglich konzentrierten sich Lehre, curriculare Entwicklung und Forschung im Bereich DaZ auf Menschen, die neu in Deutschland ankommen. Das betraf immer schon Erwachsene wie Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter. DaZ- und Integrationskurse richten sich an erwachsene Migrantinnen und Migranten, die ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache nachweisen müssen, um eine Niederlassungserlaubnis zu erhalten oder eingebürgert zu werden.  Seit wenigen Jahren wird darüber hinaus eine andere Zielgruppe verstärkt in den Blick genommen: Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte, die in Deutschland aufwachsen. Diese Kinder wachsen entweder zweisprachig auf oder erwerben zunächst ihre Familiensprache und dann das Deutsche als Zweitsprache.

Im Alltag beherrschen diese Kinder die deutsche Sprache meistens sehr gut, beim Erwerb der Bildungssprache wie der schulischen Fachsprachen benötigen sie jedoch oft Unterstützung. Aus diesem Grund sollen angehende Lehrkräfte schon in Studium und Referendariat darauf vorbereitet werden, Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache gezielt zu fördern. Dazu müssen sie über Kenntnisse und Kompetenzen aus den Bereichen Linguistik, Spracherwerb, Mehrsprachigkeit, Didaktik, Diagnostik und Sprachförderung verfügen.

Bund, Länder und Hochschulen thematisieren zunehmend die Verankerung von Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache im Lehramtsstudium. Um einen Überblick darüber zu gewinnen, in welchen Bundesländern bzw. an welchen Hochschulen Angebote bereits festgeschrieben sind, hat das Mercator-Institut in einer Studie untersucht, wie Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen im Bereich Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ausgebildet werden.

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