Bericht

Evaluation als wichtiger Baustein einer nachhaltigen Hochschullehre

Um den Nutzen und Erfolg eines Projektes feststellen und bewerten zu können, ist eine anschließende Evaluation unabdingbar. Welche Schlussfolgerungen können gezogen werden? Sind die entwickelten Konzepte hilfreich und gewinnbringend? Ist eine Implementierung in die bestehenden Strukturen möglich und sinnvoll? In diesem Artikel präsentieren drei der vom Mercator-Institut geförderten Projekte ihre Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse aus den durchgeführten Evaluationen.

Sprachen — Bilden — Chancen (Berlin)
Evaluation der Deutsch-als-Zweitsprache-(DaZ)-Module

Im Projekt wurden die Berliner DaZ-Module weiterentwickelt und ein phasenübergreifendes Ausbildungskonzept für Sprachbildung erarbeitet. Der Schwerpunkt der Evaluation lag auf der Frage, welche Kompetenzen die Studierenden beim Besuch der Module erwerben. Um den Lernzuwachs der Studierenden zu ermitteln, wurde das Wissen mit dem DaZKom-Test (Köker et al., 2015) erfasst, von den Studierenden entworfene Unterrichtsmaterialien ausgewertet und ihre Überzeugungen zum Thema Sprachbildung/DaZ analysiert.

  • Wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, die Ergebnisse der Evaluation den Personen zu präsentieren, deren Lehrveranstaltungen man evaluiert. Die Lehrenden sollten in die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse einbezogen werden. Dadurch kann die Expertise der Lehrenden aufgegriffen werden, es steigt die Akzeptanz der Evaluation sowie ihrer Ergebnisse und die Nachhaltigkeit des Projekts wird gefördert.
  • Zunächst stellte sich die Frage, mit welchem Instrument wir den Lernzuwachs bei den Studierenden im Bereich DaZ erfassen können. Wir sind daher sehr froh, dass wir in der DaZKom-Projektgruppe einen zuverlässigen Kooperationspartner gefunden haben, der uns seinen Kompetenztest noch vor der Veröffentlichung zur Verfügung stellte. Ein eigenes Instrument hätten wir in der Kürze der Zeit nicht selbst entwickeln können.
  • Flexibilität des Evaluationsdesigns ist ein wichtiger Gelingensfaktor! Im Evaluationskonzept mussten Veränderungen des Evaluationsgegenstandes berücksichtigt werden. In Berlin wurden die DaZ-Module während der Projektlaufzeit strukturell verändert. In der Zeitplanung wurde dies berücksichtigt.

Blended Learning Konzept für das DSSZ-Modul (Bonn)
Erstellung, Erprobung und Implementation von eLearning-Einheiten zum sprachsensiblen Unterrichten im Fach

Im Rahmen des Projekts wurde ein Blended Learning Konzept für das DSSZ-Modul an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entwickelt. Die Kombination aus inhaltlich und methodisch verzahnten Präsenz- und Onlineanteilen ermöglicht eine Differenzierung nach Fächern, wodurch eine stärkere Praxisorientierung der zu vermittelnden Inhalte erzielt wird. Die Evaluation aus Entwickler-, Lehrenden- und Studierendenperspektive innerhalb des Projekts fokussiert die Ebene der hochschuldidaktischen Umsetzung des Moduls. Die Evaluationsergebnisse fließen in die Konzeptanpassung und -weiterentwicklung ein.

  • Evaluation von Hochschullehre kann, je nach Erkenntnisinteresse, sowohl zur Feststellung eines Bedarfs, zur Umsetzung als auch outcomeorientiert genutzt werden. Um eine Fächerspezifizierung und Praxisorientierung der zu vermittelnden Inhalte zu ermöglichen, wurde das Modul in Bonn im Blended-Learning-Format konzipiert. Die Evaluation mit Fokus auf die hochschul-didaktische Gestaltung der Veranstaltung soll daher Hinweise liefern, ob das gewählte Format die Realisierung der genannten Ziele unterstützt.
  • Die meistverbreitete Form der Evaluation von Hochschullehre ist die Studierendenbefragung. Um jedoch die Perspektive möglichst aller Beteiligten kennenzu-lernen und in die Entwicklung einzubeziehen, haben wir die Gruppe der Befragten erweitert. Bei der Evaluation des Bonner Moduls gehen wir multiperspektivisch vor und befragen neben den Studierenden auch die Lehrenden und Entwickler. Dabei sollen einerseits durch geschlossene Fragen ausgewählte Aspekte der Modulumsetzung geprüft werden, andererseits werden durch offene Fragestellungen andere Sichtweisen ermöglicht, die zur Generierung neuer Umsetzungsideen führen können.
  • Stellt das Zentrum für Hochschulevaluation Instrumente zur Verfügung, die dem Erkenntnisinteresse der Evaluation dienen, so können diese eingesetzt werden. Sollen jedoch andere Aspekte erfasst werden, so müssen die vorhandenen Instrumente angepasst bzw. neue Erhebungsinstrumente entwickelt werden. Um dem Bonner Blended-Learning-Format und der angestrebten Multiperspektivität gerecht zu werden, setzen wir Studierendenbefragungen und Fragebögen zur Lehrendenselbstevaluation ein und ergänzen sie durch kollegiale Beobachtungen der Präsenz- und Onlineanteile.
  • Die Verbesserung der Hochschullehre ist nur dann gewährleistet, wenn Evaluation fortlaufend durchgeführt wird und die Ergebnisse kontinuierlich implementiert werden. In Bonn hat sich neben der gemeinsamen Auswertung der Ergebnisse von Lehrenden und Entwicklern auch die Anpassung der Präsenz- und Onlineanteile im Team bewährt.

Bildungssprache Deutsch für berufliche Schulen (München)
Entwicklung, Pilotierung und Implementierung handlungsorientierter Unterrichtskonzepte im Fach Deutsch für Berufsschulen und in der Lehrerausbildung

Ziel des Projekts war zum einen die Entwicklung und Pilotierung innovativer Unterrichtskonzepte und -materialien zur Förderung der mündlichen und schriftlichen Sprachkompetenzen von Berufsschülerinnen und -schülern. Zum anderen haben TU und LMU München den Teilstudiengang „Sprache und Kommunikation Deutsch“ für Studierende der beruflichen Bildung eingerichtet und konsolidiert. Er soll auf sprachliche Bildung in allen Unterrichtssituationen und den Unterricht mit neu zugewanderten Jugendlichen vorbereiten sowie für kulturelle Vielfalt sensibilisieren. Ein Teilprojekt widmete sich der formativen Evaluation des neuen Studiengangs zum Zweck der Optimierung von Inhalten und organisatorischen Abläufen.

  • Nach Abschluss der Einzelinterviews äußerten die Studierenden wiederholt die Bereitschaft, jederzeit für weitere Gespräche zur Verfügung zu stehen. Sie brachten zum Ausdruck, dass sie gerne einen Evaluationsbeitrag leisten, und schätzten die Möglichkeiten, am Qualitätsmanagement des neuen Studiengangs mitzuwirken.
  • Der Evaluationsgegenstand fächert sich in verschiedene Dimensionen auf, z. B. in Kontext, Struktur, Konzept, Input, Prozess und Wirkung. Für die nähere Betrachtung jedes einzelnen Aspekts ist eine spezifische Zeitplanung Grundvoraussetzung. Für uns war es möglich, beispielsweise die Struktur und das Konzept des Teilstudiengangs „Sprache und Kommunikation Deutsch“ genauer zu untersuchen, indem wir u.a. Expertenrunden veranstaltet haben. Über die Wirkung des Teilstudiengangs können wir hingegen lediglich erste Aussagen treffen. Möchte man überprüfen, inwiefern die Übersetzung des universitär erworbenen Wissens in schulische Praxis gelingt, muss für weitere Evaluationen berücksichtigt werden, dass alleine das Studium fünf Jahre umfasst.
  • Unsere Evaluation enthielt u. a. eine Befragung von Studierenden. Sie fand vor Studienbeginn und ein zweites Mal gegen Ende der Projektlaufzeit statt. Beim zweiten Befragungszeitpunkt war ein Teil der Studierenden nicht mehr greifbar, sie hatten ihr Studium in der Zwischenzeit abgebrochen. Hierfür wurden private Gründe wie eine Schwangerschaft oder die Migration ins Ausland genannt. Hinzu kommt, dass „Sprache und Kommunikation Deutsch“ auch als zusätzliches Erweiterungsfach studiert werden kann. So müssen Evaluationen in diesem Kontext berücksichtigen, dass einige ein solches Studium nicht zu Ende führen, da freiwillige Leistungen im Zweifelsfall als Erstes zeitlichen Engpässen und privaten Umplanungen zum Opfer fallen.

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form zuvor in der Publikation Blick zurück nach vorn erschienen.

Autorinnen

Anke Backhaus arbeitet am Bonner Zentrum für Lehrerbildung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort verantwortet und lehrt sie das DaZ-Modul. Ihr aktueller Schwerpunkt liegt auf der Erfassung subjektiver Erfahrungen von Geflüchteten und Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte im deutschen Bildungssystem.

Barbara Baumann arbeitet an der School of Education der Technischen Universität München. Sie beschäftigt sich derzeit besonders mit der schulischen und beruflichen Bildung für Geflüchtete sowie mit Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache als Themen der Lehrerbildung.

Joanna Chlebnikow arbeitet in der Abteilung für Interkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeitsforschung mit dem Sprachlernzentrum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich des Blended Learning in der Lehreraus- und -weiterbildung.

Annkathrin Darsow arbeitet an der Professional School of Education der Humboldt-Universität zu Berlin. Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind kindlicher Zweitspracherwerb, Sprachstandsdiagnostik bei Kindern, Sprache im Fachunterricht und der Gebrauch von Vergleichsstrukturen. 

Prof. Dr. Jennifer Paetsch war von 2014 bis 2016 Projektkoordinatorin von Sprachen – Bilden – Chancen an der Professional School of Education der Humboldt-Universität zu Berlin. Zurzeit ist sie Juniorprofessorin für Evaluation im Kontext der Lehrerbildung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Fränze Sophie Wagner ist Erziehungswissenschaftlerin und arbeitet an der Professional School of Education der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das Thema Überzeugungen von (angehenden) Lehrkräften zu sprachlichen Aspekten migrationsbedingter Heterogenität.

Informationen zu diesem Thema

Lehrerbildung beim Mercator-Institut

Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe; deshalb setzt sich das Mercator-Institut für eine durchgängige Sprachbildung in der Schule ein. Diese kann nur gelingen, wenn angehende Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen bereits im Studium und auch im Vorbereitungsdienst für das Thema sprachliche Heterogenität sensibilisiert und vorbereitet werden.

Daher setzt sich das Mercator-Institut dafür ein, die Lehrerbildung in diesem Bereich zu stärken und Reformprozesse auf bildungspolitischer Ebene zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund fördert das Mercator-Institut u. a. zehn Entwicklungsprojekte in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Hochschulen führen obligatorische Module zu den Themen Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache sowie Sprachbildung ein und verbessern bestehende Formate, z. B. durch innovative Lehr-Lernformate.

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