Bericht

Befristete Projekte — Verstetigung von Projektstrukturen: ein Widerspruch?

In dem Beitrag werden anhand der beiden vom Mercator-Institut geförderten Entwicklungsprojekte "Vielfalt stärken – Sprachliche und kulturelle Heterogenität in der Lehrerausbildung nutzen lernen" (Universität Paderborn) und "Aufgabenorientiertes Peer-Tutorium zum Deutsch-als-Zweitsprache-Modul" (Universität Duisburg­-Essen) Gelingensbedingungen für die Verstetigung von Projektstrukturen in der Hochschule herausgearbeitet und dabei entstandene Produkte und Formate vorgestellt.

Projekt Vielfalt stärken – Sprachliche und kulturelle Heterogenität in der Lehrerausbildung nutzen lernen an der Universität Paderborn

Als wir im Oktober 2013 in das Projekt Vielfalt stärken starteten, das auf dem EU-Mittel-geförderten Projekt Chancen der Vielfalt nutzen lernen aufbaute, wollten wir die Chance wahrnehmen, Strukturen und Wissen im Umgang mit kultureller und sprachlicher Heterogenität in der Lehrerausbildung nachhaltig an der Universität Paderborn auf mehreren Ebenen zu etablieren:

  • Professionalisierung der Lehrerausbildung im Bereich DaZ durch eine praxisnahe Zusatzqualifizierung von Studierenden mit Seminar und Förderunterricht
  • interinstitutionelle Zusammenarbeit mit Bildungsträgern der Region wie Schulen, dem Kommunalen Integrationszentrum (KI) und dem Zentrum für schulpraktische Lehrerbildung Paderborn (ZfsL) sowie interdisziplinäre Kooperationen mit einzelnen Fachdidaktiken, der DaZ-Abteilung, dem Zentrum für Bildungsforschung und Lehrerbildung (PLAZ) sowie dem Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Paderborn
  • vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Sprachbildung im Fach mit dem Schwerpunkt Literaturunterricht.

Professionalisierung der Lehrerausbildung im Bereich DaZ

Wie an verschiedenen anderen lehrerausbildenden Universitäten belegen Lehramtsstudierende im Rahmen ihres Bachelor-Studiums an der Universität Paderborn zwei Veranstaltungen in DaZ: eine Vorlesung (drei Leistungspunkte) und ein vertiefendes Seminar (drei Leistungspunkte). Das sogenannte DaZ-Modul leistet damit eine Sensibilisierung der Studierenden für Fragen der Sprachbildung und Sprachförderung, bietet aber keine ausreichende DaZ-Qualifikation für den späteren Lehrberuf – so auch die Ergebnisse aus Interviews der Masterarbeit von Julian Siebert, für die Studierende mit und ohne Vielfalt stärken-Projekterfahrung zu ihren Kompetenzen im Bereich Deutsch als Zweitsprache befragt wurden (Siebert, 2016, S. 67). Mit Blick auf die Empfehlung der Stiftung Mercator zur Implementierung des DaZ-Moduls an den Hochschulen Nordrhein Westfalens, jeweils sechs Leistungspunkte im BA- und MA-Studium zu veranschlagen (vgl. Stiftung Mercator, 2009), überraschen diese Ergebnisse nicht. Das Projekt Vielfalt stärkenhat sich zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu schließen und Studierenden neben einer theoretischen Vertiefung mehr Handlungswissen zu geben und sie so besser für den professionellen Umgang mit DaZ-Schülerinnen und -Schülern zu qualifizieren: ein Vorhaben, das laut der Studie von Siebert auch so bei den Studierenden angekommen ist (Siebert, 2016, S.66 f.). Dass wir dieses Projekt nun auch nach Auslaufen der Finanzierung durch das Mercator-Institut weiter aufrechterhalten können, liegt an verschiedenen Maßnahmen:

  • Integration des Projekts in die Praxisphasen des BA-/MA-Studiums als Berufsfeldpraktikum wie auch als spezifische Anteile im Orientierungspraktikum und im Praxissemester (Begleitforschungsseminar);
  • Folgefinanzierung einer wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle und Unterstützung des Projekts mit Sach-und weiteren Personalmitteln durch die Universität Paderborn und das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen sowie Finanzierung des Sprachförderunterrichts durch die Familie-Osthushenrich-Stiftung sowie die Stadt und den Kreis Paderborn.

Interinstitutionelle Zusammenarbeit und interdisziplinäre Kooperationen

Neben dem unbezweifelbaren Wert, den das Projekt für die Lehrerausbildung hat und aufgrund dessen eine Weiterfinanzierung möglich wurde, strahlt Vielfalt stärken auch in die Bildungsregion des Kreises Paderborn aus. So wurde in Kooperation mit der DaZ-Abteilung am 8. Mai 2015 ein DaZ-Tag zu Fragen der durchgängigen Sprach- und Lehrerbildung veranstaltet, aus dem schließlich ein dauerhaftes und nachhaltiges Format zum interinstitutionellen Austausch über Themen der Sprachbildung und Sprachförderung entwickelt wurde: das DaZNetzOWL. Neben einer gemeinsamen Mailing-List werden pro Halbjahr drei Vorträge angeboten, in denen Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Bildungseinrichtungen zum Thema informieren, Ideen und Gedankenanregungen geben und sich in Diskussion und Austausch zusammenfinden. Darüber hinaus hat die im Rahmen der Projektlaufzeit etablierte Zusammenarbeit mit dem ZfsL Paderborn dazu geführt, dass die DaZ-Ausbildungsanteile in der ersten und zweiten Phase der Lehramtsausbildung aufeinander abgestimmt wurden.

Sprachbildung im Fach

Auch wenn Vielfalt stärken in erster Linie ein Entwicklungsprojekt war, so konnten meine Mitarbeiterin Martina Kofer und ich Forschungsinteressen im Bereich der Sprachbildung im Fach mit Schwerpunkt auf dem Literaturunterricht ausbauen. Neben einem Poster erschienen Aufsätze zum Thema. Seit Juni 2016 bin ich Mitherausgeberin einer neuen Zeitschrift DaZ Sekundarstufe. Konzepte und Materialien, die ab Februar 2017 im Cornelsen Verlag erscheinen wird. Dies gibt Gelegenheit zur Vertiefung der im Projektverlauf entstandenen Kontakte: So publizieren in Heft 1/2017 zum Thema Sprachsensibler Fachunterrichtauch eine Kooperationspartnerin aus der Fachdidaktik Geschichte der Universität Paderborn sowie die Arbeitsgruppe um Prof. Bernd Ralle, Prof. Ludger Hoffmann und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Cana Bayrak aus dem Mercator-Projekt DaZ im Kontakt zum sprachsensiblen Chemie-Unterricht der Universität Dortmund. Im Heft 3/2017 wird der Forschungsschwerpunkt Literatur und Sprache zum Thema.
Diese Aspekte auf den drei Ebenen zur nachhaltigen Etablierung von Projektwissen und -strukturen machen deutlich, dass es mehrere Wege gibt, befristeten Projekten auch nach Ablauf eines Förderzeitraumes Perspektiven und weitere Entwicklungsmöglichkeiten zu geben.

Projekt Aufgabenorientiertes Peer-Tutorium zum DaZ-Modul im BA-Lehramt an der Universität Duisburg-Essen

Im Rahmen des Projekts Aufgabenorientiertes Peer-Tutorium zum DaZ-Modul wurde an der Universität Duisburg-Essen ein hochschuldidaktisches Konzept zur Professionalisierung von Lehramtsstudierenden im Modul Deutsch als Zweitsprache entwickelt, implementiert und evaluiert.
Um die Studierenden auf das Unterrichten in sprachlich und soziokulturell heterogenen Klassen vorzubereiten, wird viel Wert auf das Zusammenspiel von Wissen, Können und Überzeugungen gelegt (Terhart, 2007). So bearbeiten die Studierenden Aufgaben, die einerseits auf Perspektivübernahme und Empathie zielen und andererseits das theoretisch erworbene Wissen anhand von Praxisbeispielen vertiefen. Während der Aufgabenbearbeitung werden die Studierenden von geschulten Tutoren beraten. Zudem bieten die Tutoren aufgabenspezifische Workshops an, in denen z. B. die Erstellung eines Interviewleitfadens geübt wird.
Ein zentrales Element des Konzepts ist das Peer-Feedback (Schulz, 2013). Dabei geben sich die Studierenden gegenseitig ein Feedback zu ihren Zwischenprodukten. Auf dieser Grundlage kann der Aufgabentext überarbeitet und bei der Dozentin oder dem Dozenten eingereicht werden. Dieser Ablauf gewährleistet eine personelle Trennung zwischen Lern- und Prüfungssituation, was für effektives Lernen förderlich ist (Weinert, 1999). Abschließend schreiben die Lernenden mithilfe von Prompts, also Leitfragen und Satzanfängen (Brouër & Gläser-Zikuda, 2010), einen Reflexionstext (Reflection-on-action, Schön, 1983).

Gelingensbedingungen

Im Folgenden werden Gelingensbedingungen herausgearbeitet, die sich förderlich auf die Verstetigung des im Projekt erarbeiteten Konzepts ausgewirkt haben:

  • Motivation der Studierenden durch Lernaufgaben
    Die offenen Lernaufgaben erweisen sich als geeignet, um der Heterogenität der Studierenden gerecht zu werden. Sie ermöglichen nicht nur einen fachspezifischen Zugang, sondern auch eine individuelle, biografische und interessengeleitete Schwerpunktsetzung. Dies wirkt sich positiv auf die Motivation der Lernenden aus.
  • Verbindliche Festlegung als Studienleistung
    Die entwickelten Aufgaben werden auch nach Projektende von den Lehrenden im Modul „Grundlagenwissen Deutsch als Zweitsprache“ als Studienleistung eingesetzt.
  • Offenheit des Konzepts
    Lehrende können nur einzelne Elemente des Konzepts in ihren Seminaren einsetzen, z. B. nur Tutorenfeedback oder Peer-Feedback in mündlicher oder schriftlicher Form.
  • Entlastung der Lehrenden durch Aufgabenraster
    Die Lehrenden geben an, dass die entwickelten aufgabenspezifischen Bewertungsbögen ihnen bei der Beurteilung der benoteten Studienleistungen eine gute Unterstützung bieten. Auch die Studierenden beurteilen den Einsatz von Bewertungsbögen positiv, da so die Benotung transparenter ist.
  • Kooperation mit den Lehrenden im DaZ-Modul und der Schreibwerkstatt
    Bei der Aufgabenentwicklung und in den Erhebungsphasen war die Zusammenarbeit mit den Lehrenden im DaZ-Modul besonders förderlich. Die Konzipierung und Durchführung der Tutorenschulung erfolgten gemeinsam mit der Schreibwerkstatt und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, sodass die Expertise der Kolleginnen genutzt werden konnte.
  • Bessere Lernergebnisse durch Peer-Feedback
    Das Peer-Feedback ist nach Projektende ein wichtiger Bestandteil im DaZ-Modul, da es mit wenig Aufwand eingesetzt werden kann und sich positiv auf die Qualität der Studierendentexte auswirkt.
  • Qualifizierung der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Lehrbeauftragten
    Zur Erreichung der Projektziele hat die wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an einer Moodle-Schulung und an einer SPSS-Fortbildung teilgenommen. Damit das Peer-Tutorium onlinebasiert ablaufen kann (Peer-Feedback und Tutorenfeedback online in schriftlicher Form), mussten auch die Lehrbeauftragten bereit sein, sich mit Moodle auseinanderzusetzen.

Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form zuvor in der Publikation Blick zurück nach vorn erschienen.

Autorinnen

Dr. Anna Pineker-Fischer war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen. Sie hat an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Sprachförderung, Allgemeine Didaktik, Portfolioarbeit und Professionsforschung.

Dr. Cornelia Zierau ist Oberstudienrätin im Hochschuldienst am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Paderborn. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der
interkulturellen Literaturwissenschaft und -didaktik, der Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur sowie der Sprachbildung im Literaturunterricht.

 

 

Informationen zu diesem Thema

Lehrerbildung beim Mercator-Institut

Sprache ist ein wichtiger Schlüssel für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe; deshalb setzt sich das Mercator-Institut für eine durchgängige Sprachbildung in der Schule ein. Diese kann nur gelingen, wenn angehende Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen bereits im Studium und auch im Vorbereitungsdienst für das Thema sprachliche Heterogenität sensibilisiert und vorbereitet werden.

Daher setzt sich das Mercator-Institut dafür ein, die Lehrerbildung in diesem Bereich zu stärken und Reformprozesse auf bildungspolitischer Ebene zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund fördert das Mercator-Institut u. a. zehn Entwicklungsprojekte in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Hochschulen führen obligatorische Module zu den Themen Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache sowie Sprachbildung ein und verbessern bestehende Formate, z. B. durch innovative Lehr-Lernformate.

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