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23. Oktober 2017 Aktuelles

„Die Wirkung einer didaktischen Maßnahme bei Schülern ist schwer nachzuweisen“

Joachim Grabowski ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Leibniz Universität Hannover. Das Wintersemester verbringt er als Gastprofessor am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Im Interview spricht er über die psychologische Perspektive auf das Themenfeld sprachliche Bildung und seine Pläne für die kommenden Monate.

Was ist für Sie derzeit die größte Herausforderung im Themenfeld sprachliche Bildung?

Aus psychologischer Perspektive besteht die erste Aufgabe darin, die Prozesse im Menschen zu beschreiben, die zu guten sprachlichen Leistungen führen. In einem zweiten Schritt geht es dann darum herauszufinden, wie man diese Prozesse möglichst gut fördern kann. Diese empirische Vorgehensweise ist eine große Herausforderung, da die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Psychologie, Linguistik und Sprachdidaktik noch relativ neu ist. Wir wollen den wissenschaftlichen Nachwuchs ermutigen, an dieser Schnittstelle Theorien zu bilden und zu prüfen.

Welchen Mehrwert hat die psychologische Perspektive auf das Thema sprachliche Bildung?

Michael Becker-Mrotzek und ich arbeiten seit über zehn Jahren erfolgreich an gemeinsamen Projekten zur Förderung von Schreibkompetenz. Wir sind uns sicher, dass das keiner ohne den anderen gekonnt hätte. Die Psychologie hat methodisch-empirisch einen Vorsprung, und sie hat Erfahrung mit der Erforschung des Menschen und seinem Verhalten. In der Sprache geht es häufig zunächst um sprachliche Aspekte: Ein Satz ‚verhält’ sich ganz anders als ein Schüler, der einen Satz plant. Der Psychologie fehlt jedoch die angemessene Beschäftigung mit Sprache. Moderne Didaktik ist für mich daher eine Interdisziplin, insbesondere durch die Evidenzbasierung, die sich seit PISA immer mehr durchsetzt.

Sie arbeiten eng mit Schulen zusammen. Was haben sie daraus gelernt?

Forschung und Praxis haben verschiedene Aufgaben. In der Medizin gibt es immer erst eine Diagnose und dann eine Behandlung. Das ist im Bildungsbereich so nicht selbstverständlich. Da gibt es auch didaktisches Brauchtum, das nie auf dem Prüfstand gestanden hat. In der Zusammenarbeit mit Schulen haben wir gelernt, dass es nicht ganz einfach ist, die Wirkung einer didaktischen Maßnahme bei den Schülerinnen und Schülern nachzuweisen. Ein empirisches Scheitern ist aber nicht schlimm, weil man auch diese Erkenntnis erst einmal gewinnen muss, um etwas Neues zu entwickeln.

Welchen Themen und Schwerpunkten werden Sie sich am Mercator-Institut widmen?

In den gemeinsamen Projekten sind Daten entstanden, zu denen es viele noch offene Fragestellungen gibt. Die Einladung zur Gastprofessur sehe ich als Chance, mich diesen Themen endlich zu widmen, zum Beispiel der Frage, welche Rolle sprachliche Migrationshintergründe der Schülerinnen und Schüler für ihre sprachlichen Leistungen spielen. Unsere Ergebnisse decken sie mit bestehenden Erkenntnissen, wir konnten aber auch zeigen, dass diese Schülerinnen und Schüler bei kognitiven Aspekten wie Reaktionsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis genau so gute Leistungen zeigten wie alle anderen. Es wäre didaktisch interessant, solche Fähigkeiten stärker als bisher auch für die sprachliche Bildung zu nutzen. Darüber hinaus freue ich mich aber auch, von den Projekten am Mercator-Institut lernen zu können.

 

Über Joachim Grabowski

Joachim Grabowski ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Leibniz Universität Hannover. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. Theorien der Sprachproduktion, Schreibkompetenz und Arbeitsgedächtnis bei sprachlichen Prozessen. Gemeinsam mit Michael Becker-Mrotzek hat er mehrere Projekte zur Förderung von Schreibkompetenz geleitet, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Er ist sowohl in Psychologie als auch in Germanistischer Linguistik habilitiert.


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